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100 Jahre zurück

Wie jenseits die Regelung rund um den 12-Stunden-Tag ist, zeigt ein Blick in die Geschichte der Arbeitszeit.

2018: Mehr als 100.000 gehen auf die Straße, weil sie nicht wollen, dass die Uhr um 100 Jahre zurückgedreht wird. ©APA / Picturedesk

am 3. Mai 1890. In dem Kommentar auf Seite 1 geht es um die große Demonstration der Arbeiterbewegung am vorangegangenen Donnerstag, dem 1. Mai 1890. Zehntausende Arbeiter waren auf den Straßen Wiens, das damals eine der ersten großen Arbeiter- Kundgebungen erlebte. Kundgebungen, wie sie auch in zahllosen anderen Städten Europas an jenem 1. Mai 1890 abgehalten wurden. "Es wäre thöricht, sich nunmehr in frohen Hoffnungen zu wiegen. Der 1. Mai ist vorüber, aber das soziale Problem besteht weiter", heißt es im Neuen Wiener Tagblatt. Es sollte noch ganze 28 Jahre dauern, bis die Hauptforderung realisiert wurde, für welche die Arbeiter 1890 auf die Straße gegangen sind: Erst 1918 wurde der Acht- Stunden-Tag verbindlich eingeführt.

Eine Kehrtwende

Das war vor 100 Jahren. Und es scheint, als wollte man die Uhr nun um ein ganzes Jahrhundert zurückdrehen. Denn seit September ist in Österreich eine Novelle des Arbeitszeit- sowie des Arbeitsruhegesetzes in Kraft, welches den 12-Stunden-Tag wieder alltäglicher machen wird. Formal gilt immer noch eine "Normalarbeitszeit" von acht Stunden. Die Novellen erlauben nun aber bis zu 12 Stunden täglich und bis zu 60 Stunden an wöchentlicher Arbeitszeit. Damit sind die Grenzen dessen, was die einschlägigen EU-Richtlinien ermöglichen, bis zum Anschlag ausgereizt. Eine Kehrtwende, denn seit 1890 (im europäischen Durchschnitt sogar schon seit 1848) ging die Entwicklung linear und deutlich in die andere Richtung: Die Arbeitszeiten wurden kürzer. 1959 wurden 45 Stunden als oberstes Limit eingezogen, 1975 dann 40 Stunden. Seit Mitte der 1980er Jahre ist für vereinzelte Branchen eine wöchentliche Maximal-Arbeitszeit zwischen 37 und 38,5 Stunden ausverhandelt worden, allerdings nur für einen kleineren Teil der Beschäftigten.

Immer mehr Druck

Das Pendel schlägt nun in die andere Richtung: 12-Stunden-Tage; 60-Stunden-Woche. Die Argumente dafür sind an den Haaren herbeigezogen, denn um Flexibilisierung geht es ganz und gar nicht, diese war nämlich schon bisher möglich. 12 Stunden waren aber an Bedingungen geknüpft - vor allem an ein Aushandeln mit der Belegschaft mit der Fixierung in einer Betriebsvereinbarung, oder an eine Zustimmung durch das Arbeitsinspektorat. Die Arbeitszeit auf 12 Stunden zu erhöhen, um eine Vier-Tage-Woche mit mehr Freizeit zu erreichen, war bisher genauso erlaubt.

Jetzt fallen diese Bedingungen allerdings weg. Beschäftigte bekommen nicht mehr Unabhängigkeit und Flexibilität, sondern sind dem subtilen Druck zur Flexibilisierung ausgeliefert. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass im Gesetz explizit ergänzt wurde, ArbeitnehmerInnen dürften eine elfte oder zwölfte Überstunde ohne Begründung ablehnen, ohne deshalb benachteiligt zu werden. Kündigungen müssen nicht begründet werden. Und wie bitte soll denn der Beweis geführt oder auch nur glaubhaft gemacht werden können, dass jemandes Kündigung mit der Überstunden-Ablehnung zusammenhängt?

Unfallrisiko steigt

Beschlossen wurde dieses Gesetz Anfang Juli wider besseres Wissen. Denn alle ArbeitsmedizinerInnen belegen: Bei längerer Arbeitszeit nehmen die psychischen und physischen Belastungsfaktoren signifikant zu. Erwiesen ist auch, dass die Fehler- und Unfallhäufigkeit steigt, je länger gearbeitet wird. Und logisch ist auch, dass Betreuungspflichten bei längeren Arbeitszeiten immer schwieriger nachgekommen werden kann.

Hier wird ein Signal gesetzt: Arbeiter, flexibilisiert euch - sonst habt ihr keine Chance. Der Betrieb gibt den Takt vor, niemand sonst. Hätte Schwarz-Blau einen besseren Beweis liefern können, wes Geistes Kind es ist? Hier wird eine neoliberale Agenda abgearbeitet.

Neoliberale Offenbarung

Damit schließt sich der Kreis. Arbeitsumstände werden wiederbelebt, die als längst überwunden gegolten haben. Das Gefälle zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen wird wieder deutlich steiler und spürbarer; so, wie es vor der Einführung des Acht-Stunden-Tags gewesen ist.

Es lohnt sich manchmal, in Zeitungen aus längst vergangenen Tagen zu blättern, wie im "Neuen Wiener Tagblatt" zum Beispiel: "Es ist nothwendig, aus dem Verhalten der Wiener Arbeiter, wie nicht minder aus dem Verlaufe der Demonstration in den anderen Industrieländern der Welt die richtigen Folgerungen abzuleiten. Die musterhafte Organisation der Wiener Arbeiterschaft hat sich der öffentlichen Ordnung der Residenz in hohem Grade dienlich erwiesen; sie hat gezeigt, wie eine selbstbewußte, ernsten Zielen zustrebende Volksklasse sich zu beherrschen und zu bemeistern weiß, aber sie bedeutete keine Konzession an die bestehenden wirthschaftliche Ordnung." Klingt wie eine Handlungsanleitung.

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