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Die rote Linie

Warum die Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand bleiben muss und warum es bessere Politik für Kinder und Jugendliche braucht, erklärt Jürgen Czernohorszky im großen teamwork-Sommerinterview mit ChfR Karin Zauner-Lohmeyer.

Juergen-Czernohorsky ©RenéeDelMissier / HG 1

teamwork: Lass uns am Anfang über Deine Beziehung zur Gewerkschaft reden. Bist Du Gewerkschaftsmitglied?

Jürgen Czernohorszky: Natürlich bin ich Gewerkschaftsmitglied.

Bist du nicht als Arbeitergeber quasi das Gegenüber der Gewerkschaft?

Ja, in meiner Exekutivfunktion in Wien als Personalstadtrat bin ich Arbeitgebervertreter. Ich bin überzeugt, dass eine starke Gewerkschaft dazu beiträgt, dass die Arbeit gut getan wird. Politisch bin ich selbstverständlich auf der Seite der Gewerkschaft, in vielen Auseinandersetzungen auch auf Bundesebene und ein starker Verfechter der Sozialpartnerschaft.

Die Stadt wächst und wir müssen sparen. Wie kann es gelingen, die Services der Stadt auf diesem hohen Niveau zu halten?

Unsere Stadt ist in den vergangenen 15 Jahren um 280.000 Menschen gewachsen - um die Größe von Graz. Doch die Anzahl an MitarbeiterInnen ist bis heute mehr oder weniger gleich geblieben. Die Produktivitätssteigerung war enorm. Darauf können wir sehr stolz sein. Aber es darf uns nie davon abbringen, zu sehen, dass wir dort, wo wir Personal brauchen und in Zukunft mehr brauchen, dieses suchen und einsetzen werden. Mit der Dienstrechts- und Besoldungsreform sind wir in marktumkämpften Bereichen als Dienstgeberin nun auch deutlich attraktiver geworden.

Ein sehr großer Teil der Bediensteten wird in den kommenden Jahren in Pension gehen. Wird Altersteilzeit im Magistrat kommen?

Ich sehe hier Möglichkeiten. Wir müssen hier in guter sozialpartnerschaftlicher Tradition gemeinsam gut überlegen, wie es uns gelingen kann, sowohl die Arbeitsplatzsituation zu verbessern als auch die Arbeitszeit für ältere MitarbeiterInnen flexibler zu gestalten.

Im Umgang mit den Kundinnen und Kunden kommt es immer wieder zu verbalen Übergriffen auf MitarbeiterInnen. Wie schützt die Stadt die Kolleginnen und Kollegen?

Der Schutz der MitarbeiterInnen ist auf der einen Seite eine wichtige Führungsaufgabe, aber auch eine politische Aufgabe. Ich sehe es als meine Aufgabe, dass ich mich immer hinter mein Team stelle. Man hat derzeit den Eindruck, dass einmal im Monat vom Bund auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Wien ungerechtfertigt hingehauen wird: "Privilegien-Dschungel", "Frühpensionistenstadl" etc. Das ist inakzeptabel!

Wie stehst Du zu Privatisierungen von öffentlichen Dienstleistungen?

Wir schauen uns die Aufgaben an und stellen die Frage, wie wir sie in unterschiedlichen Bereichen organisieren können. Aber für mich gibt es eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf. Das ist die Daseinsvorsorge. Sie ist der Reichtum dieser Stadt und muss in der Hand der Stadt Wien bleiben. Wien ist da zum Glück eine Insel der Seligen, denn um uns herum werden Trinkwasser, Müllabfuhr, Schulen und der kommunale Wohnbau privatisiert.

Das soziale Klima in Österreich wird kälter. Sukzessive wird der Sozialstaat zurück gebaut und Ängste werden geschürt. Wie geht Wien damit um?

Man könnte ja glauben, dass eine Regierung dafür da ist, einer größtmöglichen Anzahl von Menschen Gutes zu tun. Aber sie geht gegen die Menschen vor. Beste Beispiele sind der 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche, die einem internationalen Trend zuwiderlaufen. Aber auch die Abschaffung der Notstandshilfe, das Kürzen der Mindestsicherung sowie die fehlenden Unterstützung bei der Integrationsarbeit in den Schulen.

Was kann Wien dagegen machen?

Dort, wo wir der Meinung sind, dass die Bundesregierung gegen Menschen vorgeht, werden wir zeigen, dass wir auf der Seite der Wienerinnen und Wiener sind: bei sozialer Absicherung, Bildungs angeboten, der Zugänglichkeit zum Arbeitsmarkt. Wien ist ja offensichtlich der letzte verbliebene Standort einer funktionierenden Sozialpartnerschaft.

Ist Wien eine familienfreundliche Stadt?

Ja, ich bin überzeugt, dass es so ist und dass Wienerinnen und Wiener das Angebot lieben und schätzen. Wien hat ja nicht von ungefähr die höchste Frauenerwerbsquote. Das liegt daran, dass Wien schlicht und einfach das einzige Bundesland mit genug Kinderbetreuungsplätzen ist. Ich habe es auch zu meiner Aufgabe gemacht, diese noch weiter auszubauen.

Welches Angebot gibt es in Wien für Kinder und Jugendliche?

In Wien leben heute über 360.000 Menschen unter 19 Jahren. Wien ist das Jugendzentrum Österreichs und das bedeutet für die Politik auch, dass wir mehr machen müssen für die jungen Leute. Deshalb haben wir mit der "Werkstadt junges Wien" in den letzten Monaten intensiv mit 22.000 Kindern und Jugendlichen Ideen erarbeitet: Was können wir besser machen, um eine Stadt zu sein, in der ihre Bedürfnisse erfüllt werden.

Im Sommer wird es erstmals Summer City Camps geben. Was ist das genau?

Viele haben Geld für schöne Urlaube und für Fördercamps für ihre Kinder. Aber viele, viele Familien brauchen die Stadt, um ihren Kindern die Möglichkeiten zu bieten, auch im Sommer Abenteuer zu erleben. Dafür gibt es nun auch die Summer City Camps als neues Angebot. Den ganzen Sommer hindurch für 3.000 Kinder pro Woche in allen Bezirken der Stadt. Das ist wirklich eine Sache, auf die ich sehr stolz bin.

Danke für das Gespräch!

 

"Wien hat die höchste Frauenerwerbsquote - weil Wien schlicht und einfach das einzige Bundesland mit genug Kinderbetreuungsplätzen ist."