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"Wir sind die treibende Kraft!"

Wie Wolfgang Katzian den ÖGB neu ausrichten will und warum die Gewerkschaft die treibende gesellschaftspolitische Kraft in Österreich sein muss, erklärt er im teamwork-Interview mit Karin Zauner.

Wolfgang Katzian hat eine ganzheitliche Sicht: „Ich habe Gewerkschaft immer so verstanden, dass wir auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen.“ ©ÖGB / Reither

Woher kommt Dein gewerkschaftliches Engagement?

Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Mein Papa war ein sozialdemokratischer Vertrauensmann in einer Fabrik. Es war nicht so, dass bei uns jeden Tag über Politik gesprochen wurde, aber wenn mein Vater Sorgen gehabt hat, dann war das schon auch zu Hause ein Thema.

Wolfgang, was hat Dich geprägt?

Ich bin nach der Hauptschule für ein Jahr in die HAK gegangen und dort habe ich gespürt, dass Kinder von Geschäftsleuten anders behandelt wurden als wir Arbeiterkinder. Das hat mich rasend gemacht. Ich habe mich schon in der Schule engagiert und war Klassensprecher. Danach war ich Lehrling in einer Bank. Mein erstes Jugendvertrauensräte-Seminar war zufällig in einem Haus der GPA. Alfred Dallinger ist damals in unseren Kurs gekommen und hat mit uns eine Stunde diskutiert. Danach war ich sein größter Fan. Ich habe auch Josef Hindels kennengelernt. Einen Widerstandskämpfer, der unter den Nazis im Konzentrationslager gesessen ist. Er hat uns gelehrt, Gelesenes in einen politischen Kontext zu stellen. Eine ganz tolle und wichtige Erfahrung. Später war ich in der JG Ottakring. Vorsitzender war Michael Häupl. Uns verbindet eine enge Freundschaft. Viele haben mein gewerkschaftliches Leben geprägt.

Hast Du Vorbilder?

Ja, meinen Papa.

Als neuer Präsident wirst Du den ÖGB weiterentwickeln. Wird es Änderungen bei den Teilgewerkschaften geben?

Ich bin über 40 Jahre im ÖGB beschäftigt und habe unzählige Organisationsdebatten, Arbeitskreise, Unterarbeitskreise, Sub-Arbeitskreise und alles Mögliche erlebt. Und ehrlich gesagt: So etwas möchte ich nicht machen. Zu diskutieren, welches Kasterl muss mit welchem Kasterl verschmolzen werden, bringt unsere künftige Organisation von Gewerkschaft nicht weiter.

Was bringt den ÖGB weiter?

Ich denke, wir haben eine funktionierende Struktur. Wir haben über 100.000 Leute zu einer Demo gebracht. Wir schließen pro Jahr rund 450 Kollektivverträge ab. Durch die Veränderungen in der Wirtschaft und in der Welt müssen wir uns fragen: Welche Form von Organisation brauchen wir in der Zukunft? Das heißt aber nicht, dass wir Gewerkschaften auflösen, fusionieren oder Sonstiges. Aber es bedeutet, dass wir themen-, anlass- und funktionsbezogene Netzwerke bauen.

Konkret?

Da gibt es diesen berühmten Satz: "Fight against networks with networks!" Die Gefahr ist, wenn sich andere vernetzen und wir tun das nicht, weil wir in "Zuständigkeitskasterln" denken, dann wird das nicht funktionieren. Mein Ziel ist, dass wir starke Netzwerke errichten, die sich entlang moderner Wertschöpfungsketten orientieren und die uns Lust machen, gewerkschaftsübergreifend zusammenzuarbeiten.

Apropos mitarbeiten: Die ÖGB Mitgliederzahlen steigen wieder. Stimmt das?

Ja, seit zwei Jahren. Jetzt müssen wir richtig Gas geben. Da ist noch ganz viel Luft nach oben. Wachstum steht ganz vorne auf meiner Agenda!

Du hast in einem Interview einmal gesagt: Die Gewerkschaft muss eine treibende gesellschaftspolitische Kraft sein. Was bedeutet das konkret?

Ob es um Digitalisierung, den Klimawandel, die Energiewende, die medizinische Versorgung in der Zukunft, den Pflegebereich geht. Das wirst du nicht mit Kollektivverträgen oder auf betrieblicher Ebene lösen können. Ich habe Gewerkschaft immer so verstanden, dass wir auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen. Wir sorgen dafür, dass ein Thema zum Thema wird. Dann ist die Politik gefordert, das zu diskutieren und Inhalte umzusetzen. Wir können hier eine treibende Kraft sein. Wir wollen nicht nur darüber reden, sondern "in between" sein, mittendrin dabei! Dazu braucht es viel Kommunikation, Marketing und gute Pressearbeit.

Wir erleben eine Regierung, die sukzessive die Grenzen verschiebt in Richtung Abbau des Sozialstaats und Schwächung der Sozialpartnerschaft. Was kann die Gewerkschaft dagegen ausrichten?

Die Sozialpartnerschaft ist der freiwillige Zusammenschluss von vier Organisationen: der Arbeiterkammer, des ÖGB, der Wirtschafts- und der Landwirtschaftskammer. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg gesagt: Wir schauen, dass wir Gegensätze, Konflikte, schwierige Dinge, die es zu diskutieren gilt, am Tisch lösen und nicht auf der Straße. Das war die Grundidee. Das ist schwer zu vermitteln. Ich war in meiner Jugend einer der größten Kritiker der Sozialpartner.

Warum?

Weil sie aus meiner Sicht demobilisierend waren.

Und heute?

Ich sehe, dass ein großer Teil des Wohlstands damit zu tun hat, dass wir einen Wirtschaftsstandort haben, der sich durch sozialen Frieden auszeichnet. Das sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen!

Wie wird es mit der Sozialpartnerschaft in Österreich weitergehen?

In meiner Antrittsrede habe ich gesagt: Ich möchte die Sozialpartnerschaft weiterführen! Ich reiche allen anderen die Hand. Wenn es gelingt, dass wir uns gemeinsam eine Position erarbeiten und diese gegenvertreten, dann macht es einen Sinn.

Wie positioniert sich die Gewerkschaft in diesen Gesprächen?

Du kannst dich mit dem Vis-à-vis hinsetzen und sagen: "Setzen wir uns zusammen und suchen wir eine Lösung!" Aber wenn der andere oder die andere nicht mit dir reden will, dann kannst du entweder sagen: "Danke, Entschuldigung, dass ich gefragt habe!" oder "Ich leiste Widerstand und erzwinge, dass am Ende des Tages Gespräche geführt werden!" Wir sind bei der letzten Variante angelangt.

Gibt es schon Anzeichen einer Gesprächsbereitschaft?

In der Wirtschaft orte ich zarte Signale, von der Regierung bislang noch nicht. Wir werden sehen.

Was ist die größte Herausforderung derzeit in Europa?

Für mich ist es der Zusammenhalt der Europäischen Union und ob es der EU gelingt, einen Kurswechsel durchzuführen in Richtung einer sozialen Europäischen Union. Ich kann allen Beteiligten nur raten, die soziale Frage mindestens gleich wichtig zu nehmen wie die Frage des Außengrenzschutzes und der Migration.

Arbeitet der ÖGB mit anderen Gewerkschaften in Europa zusammen?

Der ÖGB ist ein wichtiger Bestandteil des Europäischen Gewerkschaftsbunds. Wir haben ein Büro in Brüssel und versuchen, unsere Kontakte zur Kommission und zu den anderen Gewerkschaften zu pflegen. Wir sind darüber hinaus im Internationalen Gewerkschaftsbund und in anderen internationalen Strukturen aktiv. Also, der ÖGB ist gut vernetzt und ich halte es für wichtig, dass wir das auch in Zukunft sind.

Abschließend ein ganz anderes Thema: Seit wann bist Du Austria Wien Fan?

Seit meinem vierten Lebensjahr.

teamwork(at)fsg-hg1.at

„Die Gewerkschaftsbewegung wird Verschlechterungen nicht hinnehmen.“