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Altersteilzeit für alle bringt Vorteile für jeden

Wir werden immer älter und müssen deshalb auch länger arbeiten. Eine Reduzierung der Arbeitszeit in den letzten Jahren vor dem Ruhestand erhöht die Chancen, diesen physisch und psychisch gesünder verbringen zu können. Selbst für Arbeitgeber bringt das Modell nur Vorteile – höchste Zeit, sie auch im Wiener Magistrat einzuführen.

©Alex Kautz

"Österreich erfuhr insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten einen deutlichen und auch im internationalen Vergleich bemerkenswerten Anstieg der Lebenserwartung. Abgesehen von der durchschnittlich längeren Lebensspanne stellt sich jedoch die Frage, in welcher Qualität die gewonnenen Lebensjahre verbracht werden", schrieb Kollegin Eleonore Bachinger von der Bereichsleitung für Gesundheitsplanung und Finanzmanagement schon 2003 in einem Bericht der Stadt Wien*) zur Lebenserwartung in Wien und Österreich. Ob man die "gewonnenen" Jahre, wenn sie dann da sind - das Mehr an Lebenszeit nach dem zunehmend länger dauernden Berufsleben - auch noch aktiv und vital genießen kann, hängt zu einem guten Teil davon ab, wie der Übergang in die Pension gelingt. Stichwort "Pensionsschock", Stichwort "burn out" noch bevor der Stichtag überhaupt in Sichtweite ist.

Obwohl Altersteilzeitregelungen den Übergang vom Arbeitsleben in den so genannten 3. Lebensabschnitt massiv erleichtern, werden sie erstaunlich wenig in Anspruch genommen. Dabei erhöhen sie die Chance, die "gewonnenen" Jahre mental und körperlich fit zu bleiben.

Generation Babyboomer profitiert doppelt

Bei der erstmaligen Einführung einer Vorruhestandsregelung 1990 war allerdings nicht die Sorge um ein langes Wohlergehen der ArbeitnehmerInnen in der Pension der Grund, sondern schlicht und einfach der Druck der geburtenstarken Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Den älteren ArbeitnehmerInnen wurde mit Zeit- und Geldanreizen der Ausstieg aus dem Arbeitsleben schmackhaft gemacht, um für die Jüngeren Arbeitsplätze frei zu machen. Seither wurde das Altersteilzeitmodell einige Male umbenannt und adaptiert, so dass es heute vor allem auch den Forderungen nach alternsgerechtem Arbeiten entspricht. Da die Generation 50+, die so genannten Babyboomer, jetzt allmählich ins Pensionsalter kommt, kann sie inzwischen selbst Altersteilzeit in Anspruch nehmen und so ein zweites Mal davon profitieren.

Die Vorteile für ArbeitnehmerInnen

Die aktuelle Altersteilzeitregelung ermöglicht älteren ArbeitnehmerInnen einen gleitenden bzw. früheren Übergang in den Ruhestand. Dazu kann frühestens 7 Jahre vor dem geltenden Regelpensionsalter die Arbeitszeit kontinuierlich reduziert oder geblockt verringert werden. Das bedeutet, dass ArbeitnehmerInnen ihre Arbeitszeit zwischen 40 % und 60 % verringern können, aber weiterhin 70 % bis 80 % des bisherigen Einkommens erhalten. Außerdem werdendie Beiträge zur Kranken-, Pensions- und Arbeitslosenversicherung vom Arbeitgeber weiterhin in der ursprünglichen Höhe entrichtet. Damit entstehen demjenigen, der sie in Anspruch nimmt, keine Nachteile bezüglich der Pensionshöhe oder dem Arbeitslosengeld. Auch auf die Höhe der Abfertigung hat die Altersteilzeit keine Auswirkungen.

Als Leistung der Arbeitslosenversicherung gilt sie allerdings nur für Personen in einem Dienstverhältnis als Arbeiter, Angestellte oder Vertragsbedienstete - nicht jedoch für Beamte.

Alternsgerechtes Arbeiten für Beamte: kein Thema?

Verschiedene Medien haben Ende April berichtet, dass die Zahl der Bezieher von Altersteilzeitgeld in der öffentlichen Verwaltung laut Sozialministerium seit 2015 signifikant steigt. Kollegen aus der GÖD berichten allerdings, dass aufgrund der angespannten Personalsituation die Ansuchen auf Altersteilzeit äußerst restriktiv gehandhabt werden. Trotzdem stellt sich die Frage, warum pragmatisierte KollegInnen von einem soften Übergang in den letzten Lebensabschnitt ausgeschlossen sind. Da Leistungen der Arbeitslosenversicherung von BeamtInnen nicht beansprucht werden können, braucht es eine eigene Regelung.

Der Altersdurchschnitt der Beschäftigten im Wiener Magistrat liegt dzt. bei ca. 45 Jahren; bereits die derzeit knapp über 50-Jährigen werden aufgrund der Verlängerung der Lebensarbeitszeit einige Jahre länger ihren Dienst zu versehen haben. Und Jahr für Jahr nehmen Druck und Geschwindigkeit am Arbeitsplatz zu.

Jedem Alter seine Arbeitszeit

Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung verändern immer mehr Arbeitsbereiche. Die Generation Y, die jetzt rund 30-jährigen, die nun die Arbeitswelt prägen und auch im Gemeindedienst beständig nachrücken, sind mit digitalen Medien sowie der Übermittlung von Daten in Echtzeit groß geworden. Sie können mit Schnelligkeit und Gleichzeitigkeit umgehen, stehen allerdings traditionellen "puritanischen" Arbeitstugenden mehr als skeptisch gegenüber. Work-Life-Balance und lebenslanges Lernen ist für sie genauso selbstverständlich wie der Umgang mit Unsicherheiten und Ungewissheiten.

Der Generation 50+ hingegen macht die rasant zunehmende Geschwindigkeit von Arbeitsabläufen und Prozessen mehr und mehr zu schaffen, genauso wie die komplexer werdenden Strukturen aufgrund schwindender Hierarchien und Reglementierungen. Außerdem hat die Generation der Babyboomer, die zwischen 1955 und 1969 geboren ist, ein komplett anderes Verständnis von Verbindlichkeit und Arbeitsethos, warum sie sich nur schwer von den steigenden Anforderungen am Arbeitsplatz abgrenzen kann. Damit sich die Generation 50+ nicht bis zum letzten Arbeitstag auspowert bis zum Umfallen, aber auch der Generation Y das notwendige Rüstzeug dank jahrzehntelanger Erfahrung mitgeben kann, ist eine Reduzierung der Arbeitszeit in den letzten 5 bis 7 Jahren vor der Pensionierung die sinnvollste Lösung.

Work-Life-Balance im Magistrat nur ein Lippenbekenntnis?

Das Gleitmodell der Altersteilzeit bringt nicht nur den MitarbeiterInnen den Vorteil, dass sich das schlauere Umgehen mit den körperlichen Ressourcen positiv auf ihre Gesundheit auswirkt. Auch für die Stadt Wien rechnet sich die Weitergabe von Wissen und Know-how an die nachfolgende Generation garantiert. Mit verschiedensten Wissensmanagement- Konzepten bemüht man sich, die Erfahrung versierter MitarbeiterInnen in den Dienststellen zu halten. Die Einführung einer Altersteilzeitregelung - ohne Blockmöglichkeit, denn diese ist lediglich eine Verschiebung des Status quos um einige Jahre und bietet keinen einzigen Vorteil, den die Arbeitszeitreduzierung bringt - für Magistratsbedienstete würde das Problem des "brain drain", des Verlusts von wertvoller Erfahrung wenn MitarbeiterInnen ausscheiden, auf einen Schlag lösen.

Wenn es bereits ein erprobtes Modell über die Arbeistlosenversicherung gibt, kann es doch nicht so schwer sein, auch eines für die pragmatisierten KollegInnen zu entwickeln und einzuführen.

norbert.pelzer©wien.gv.at