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Ist Fremdsein ein widerliches Verbrechen?

Fremde sind Leute, die später gekommen sind als wir: in unser Haus, in unseren Betrieb, in unsere Straße, unsere Stadt, unser Land.

Die Fremden sind frech: Die einen wollen so leben wie wir, die anderen wollen nicht so leben wie wir. Beides ist natürlich widerlich. Alle erheben dabei Ansprüche auf Arbeit, auf Wohnungen und so weiter, als wären sie normale Einheimische. Fremdsein ist ein Verbrechen, das man nie wieder gutmachen kann.

Wenn wir nicht aufpassen, lassen wir uns von der allenthalben verbreiteten Hetze anstecken, ohne zu sehen, dass Menschen in unser Land gekommen sind, von denen die meisten am liebsten genau so friedlich leben wollen wie unsereins. Wenn wir ihnen ein Lächeln schenken, bekommen wir nach einem erstaunten Augenblick eines zurück. Die Kinder kennen unsere Vorbehalte gegenüber Fremden nicht und spielen sorglos mit unseren Kleinen.

Mit allen Mitteln gegen soziale Konflikte

Manche machen aber Stimmung gegen alles Fremde oder Andersartige und haben breiten Erfolg damit, wie ihn auch George Orwell im bekannten Roman "1984" beschrieben hat. Darin werden in einem totalitären Staat Probleme auf einen Außenfeind projiziert, der zwar nicht in Erscheinung tritt, aber die Bevölkerung Schuldige bequem festmachen lässt. Manche PolitikerInnen haben ein gefährliches Interesse daran, Hass und Missgunst zwischen Menschen zu streuen.

ÖGB-Präsident Erich Foglar erinnerte daran, wie leicht man Opfer des Holocaust werden konnte, weil man anders aussah, einen anderen Namen oder eine andere Religion hatte oder weil man bloß anderer Meinung war: "In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ... muss Fremdenhass mit allen Mitteln bekämpft und die Demokratie verteidigt werden." Besorgt ist auch Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich, weil sich in nur einem Jahr die Zahl rechtsextremer und rassistischer Straftaten fast verdoppelt habe. Das erinnere an die Umtriebe der Nazis in den Jahren vor 1938. In Österreich würden "gutaussehende Jugendliche' mitten in ihrer Jugendkultur" rechtsextremes Gedankengut verbreiten. Für manche sei es einfach cool, Ausländer zu hassen.

Das Gleichnis vom Eisenbahnabteil

Wir kennen das Gleichnis von Hans Magnus Enzensberger*): "Zwei Passagiere in einem Eisenbahnabteil. Sie haben sich häuslich eingerichtet, Tischchen, Kleiderhaken, Gepäckablagen in Beschlag genommen. Auf den freien Sitzen liegen Zeitungen, Mäntel, Handtaschen herum. Die Tür öffnet sich, und zwei neue Reisende treten ein. Ihre Ankunft wird nicht begrüßt. Ein deutlicher Widerwille macht sich bemerkbar, zusammenzurücken, die freien Plätze zu räumen, den Stauraum über den Sitzen zu teilen. Dabei verhalten sich die ursprünglichen Fahrgäste, auch wenn sie einander gar nicht kennen, eigentümlich solidarisch. Jeden, der neu zusteigt, betrachten sie als Eindringling. Dennoch kommt es so gut wie nie zu offenen Auseinandersetzungen, weil die Fahrgäste einem Regelsystem unterliegen, das nicht von ihnen abhängt. Also werden nur Blicke getauscht und Entschuldigungsformeln zwischen den Zähnen gemurmelt. Die neuen Fahrgäste werden geduldet."

teamwork(at)andraschko.at

 

 

*) Aus Textvorlagen zur standardisierten kompetenzorientierten Reife- und Diplomprüfung in Deutsch des bifie (2015) "Doppelfinten" und "Die große Wanderung. Dreiunddreißig Markierungen".