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Journalismus neu? Schluss mit lustig!

Plötzlich stoßen Unbekannte die Türen von Bezirksämtern auf. In der Serie „Vurschrift is Vurschrift“ wollen sie zum vermeintlichen Gaudium des Puls-4-Publikums Gemeindebedienstete lächerlich machen. Wie schlecht muss es einem Sender gehen, der sich auf so etwas einlässt?

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"Wie teuer seid denn ihr? Wie viel kostet die Bürokratie?" "Beamtenmikado, wer sich als Erster bewegt, hat verloren!", schreit ein junger Mann auf dem Gang des Magistratischen Bezirksamtes (MBA) 4/5. Er hält ein Mikrofon in der Hand. Dahinter erscheint ein zweiter, mit einer Kamera auf der Schulter. Sie reißen Türen auf, schreien Fragen hinein und nehmen die Menschen ins Visier. "Geht's ihr schon auf Mittagspause?" "Schaut ihr grad etwas im Facebook nach?", während die MBA-KollegInnen, die gerade im Parteienverkehr für die BürgerInnen Parkpickerl ausstellen, bei vollem Warteraum und Büro ihrer täglichen, nicht einfachen Arbeit nachgehen.

Bist du deppert! So geht Quotenjagd.

Das Gleiche wiederholt sich in anderen Amtsräumen. Drehgenehmigungen gibt es nicht. Puls 4 erklärt, zwei junge, extern angeheuerte "YouTuber" hätten die Befragung ohne Absprache mit dem Sender kurzerhand ins Amt verlegt. Der Dreh sollte der Bewerbung der neuen Sendereihe "Vurschrift is Vurschrift" dienen und ein Bild von ineffizienter Verwaltung mit "faulen Beamten" erzeugen. Die vorher ausgestrahlte Sendung hieß übrigens: "Bist du deppert". Tja, im Zusammenhang mit den Auftraggebern bekommt diese Feststellung natürlich eine ganz neue Bedeutung.

Nach heftigen Protesten des Mediensprechers des Magistratsdirektors bei der Geschäftsführung von Puls 4 hat der Sender versichert, dass das gesamte Filmmaterial der Aufnahmen in den Ämtern vernichtet werde. Er bitte alle Betroffenen um Entschuldigung und distanziere sich gleichzeitig von den erfolgten Unterstellungen. An dieser Stelle könnte man sagen: "Passt. Die Sache ist geklärt. Alles ist wieder in Ordnung." Reality-TV: Bequemerweise Klischees bedienen Nein, gar nichts ist in Ordnung. Denn bei der Geschichte tritt eine alarmierende Auffassung von Journalismus zutage. Welches Ethos steckt dahinter, sich solche Formate überhaupt auszudenken?

Reality-TV heißt das wohl.

Obwohl es ganz und gar nicht um die Realität geht. Sondern rein darum, junge, billige Arbeitskräfte auf Jagd nach schnellen Bildern zu schicken, um ein klar definiertes Klischee zu bedienen, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Die ZuseherInnen sollen sich über andere lustig machen, um sich danach besser zu fühlen. Billig!

manfred.obermueller(at)wien.gv.at