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Magistrat am Weg in die Arbeitswelt 4.0

Unter dem Motto „Wien neu denken“ arbeiten im Rahmen der Wiener Struktur- und Ausgabenreform (WiStA) seit dem Herbst verschiedene Innovationsgruppen daran, die Dienstleistungsqualität der Stadt Wien für ihre BürgerInnen zu optimieren. Aber auch für die Bediensteten muss neu gedacht werden – die Arbeitswelt 4.0 macht vor der Verwaltung nicht halt.

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Zuerst ging es um die Industrie-Produktion, seit rund zwei Jahren stehen auch wieder die Menschen - die Arbeitskräfte - vermehrt im Mittelpunkt. Bereits 2011 wurden die Vorteile und Chancen der Digitalisierung und (globalen) Vernetzung für Unternehmen und Geschäftsprozesse unter dem Begriff "Industrie 4.0" zusammengefasst: Effizienzsteigerung, Flexibilitätssteigerung, bessere Reaktionsgeschwindigkeit auf Trends und Kundenwünsche, Kostenreduktion - mit den neuen technischen Möglichkeiten war plötzlich alles noch höher, noch schneller, noch weiter möglich als je zuvor. Welche Auswirkungen die so genannte 4. Industrielle Revolution allerdings auf die ArbeitnehmerInnen hat, wurde erst mit gehöriger Verspätung unter dem Begriff "Arbeitswelt 4.0" diskutiert.

Die Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen, Dr. Jutta Rump, beschäftigte sich als eine der ersten mit der Frage, wie Leben und Arbeiten unter den neuen Vorzeichen von Industrie 4.0 funktioniert. Kann man - auch die gut ausgebildeten, jungen, in den Arbeitsmarkt Drängenden - mit der Geschwindigkeit, Komplexität und Vernetzung wirklich mithalten? Und wie weit müssen wir eigentlich mithalten? Ihre Analyse: Unser Bildungssystem bereitet nur unzureichend darauf vor, ältere ArbeitnehmerInnen kämpfen vermehrt mit Überforderung, driften häufiger ins Burnout. Denn technische Innovationen ohne ausgleichende soziale Innovationen vergrößern die Gruppe derer, die am Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben.

Veränderungen: ja, aber fair

"Warum wird immer davon ausgegangen, dass sich die Menschen der Technik und Digitalisierung anpassen müssen? Und warum wird nie hinterfragt, in wessen Interesse diese Entwicklungen eigentlich sind?", fragte auch Gernot Mitter, Arbeitsmarktpolitikexperte der Arbeiterkammer Wien, bei einer Veranstaltung der AK im Dezember 2015.

Die Balance zu halten zwischen technischen Trends, digitalen Innovationen sowie dem Bedarf der MitarbeiterInnen wird auch in der Stadt Wien die größte Herausforderung darstellen, wenn es um das neue Arbeiten im Magistrat geht. Welche Qualifikationen werden in 30 Jahren bei MitarbeiterInnen gebraucht werden, welche Arbeitszeitmodelle? Wird Telearbeit, also die Arbeit am Bildschirm zu Hause und nicht im Büro, für viele Berufsgruppen die Anwesenheit in der Dienststelle hinfällig machen? Wie viele Büroarbeitsplätze werden überhaupt noch benötigt werden? Wenn immer mehr Bürger E-Government nutzen, also Behördenwege via Internet erledigen, braucht es da nicht eher Videos mit genauer Anleitung, welche Dokumente wie gut gescannt wo genau hochgeladen werden können? Oder Avatare, also künstliche, grafisch gestaltete Figuren, die rund um die Uhr via Internet Auskunft geben?

Arbeiten im Wiener Magistrat 2050 ...

Modernes, zeitgemäßes Personalmanagement muss verschiedene Szenarien langfristig analysieren, um rechtzeitig die richtigen Weichen zu stellen. Bei einer Veranstaltung zum Thema "Neues Arbeiten bei der Stadt Wien - Visionen bis 2050" im Personalressort wurden dazu solche und ähnliche Fragen kürzlich diskutiert.

Die zentrale Frage meines Erachtens ist aber: Werden die Bedürfnisse der MitarbeiterInnen ausreichend berücksichtigt? Oder liegt der Fokus lediglich auf den Aspekten Effizienzsteigerungen, Flexibilitätssteigerungen, bessere Reaktionsgeschwindigkeiten auf Trends und Kundenwünsche sowie Kostenreduktionen?

Auch Innovationen haben eine Kehrseite

Dass im 21. Jahrhundert der Präsentismus - das Stempeln und die Anwesenheit innerhalb eines fixen Zeitraums - für etliche Berufe endgültig überholt ist, stimmt. Aber dass zum Beispiel ältere Menschen, und auch junge, die derzeit gerade mit dem Internet und den sozialen Medien aufwachsen, gewisse Behördenwege zu fixen Zeiten bei einem kompetenten Gegenüber aus Fleisch und Blut erledigen wollen, wird garantiert immer gefordert sein. Denn auch die heutige Jugend wird mit den Innovationen in 30, 40 Jahren nur bedingt mithalten können, so wie sich heutige SeniorInnen, die nicht mit Laptop und Mobiltelefon aufgewachsen sind, mit Passanträgen via E-Government schwer tun. Und unsere Gesellschaft altert bekanntlich ...

Verschiedene Studien haben inzwischen belegt, dass Homeoffice-Arbeiten die Abgrenzung zwischen Arbeitszeit und Freizeit erheblich erschwert, die Gleichsetzung von Erreichbarkeit und Verfügbarkeit verschwimmt zusehends. Außerdem fehlen die persönlichen sozialen Kontakte mit KollegInnen - ein wesentlicher Faktor für Motivation und Engagement. Aber auch der gruppendynamische Prozess des gemeinsamen Nachdenkens bzw. der Problemlösung fällt weg, wenn Arbeitsplätze nur mehr stundenweise genutzt werden.

Bei zwei Dritteln der Berufsgruppen in der Hauptgruppe 1 ist Telearbeit bzw. das Teilen von Büroarbeitsplätzen übrigens sowieso kein Thema. KindergärtnerInnen, SchulwartInnen, Parkraumüberwachung, Wien Kanal, Feuerwehr etwa brauchen ihre Arbeitsplätze bzw. können weder durch Videos noch durch Avatare ersetzt werden.

Arbeit bei der Stadt Wien neu denken sollte sich nicht nur von den technischen Innovationen leiten lassen - alternsgerechtes Arbeiten, neue Modelle für Umschulungen bei körperlichen oder psychischen Problemen oder neue Wege für die individuelle Karriereplanung innerhalb der Stadt sind mindestens genauso wichtige Herausforderungen für das Personalmanagement.