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Menschen sind keine Sachen

Menschen sind keine Sachen

Wenn's beim Diskutieren emotional wird, dann hilft meist der nüchterne Blick auf die Daten und Fakten. Versachlichen! Das ist uns GewerkschafterInnen ganz besonders wichtig und das Zaubermittel, um soziale Spannungen auszugleichen. Doch es gibt eine Art der Versachlichung, die alles andere als sachlich zu begründen ist. Ich rede von einer "Versachlichung", die Menschen zur Sache macht. Solche Tricksereien lehnen wir zutiefst ab und bekämpfen sie! Um die Winkelzüge, von denen gleich die Rede sein wird, vollends nachvollziehen zu können, sind Feinheiten aus der Welt der Zahlen und der Bilanzen vorauszuschicken: Angestellte, die in einem Unternehmen eine Dienstleistung erbringen, bekommen Gehälter, die im Jahresabschluss als "Personalkosten" ausgewiesen werden. Wenn die Dienstleistung aber aus einem Betrieb außer Haus zugekauft wird, so wird sie in der Bilanz als Sachaufwand ausgewiesen.

Der Kreis schließt sich, alle leiden

Auch dann, wenn die Person des Dienstleisters die gleiche bleibt - und sie halt bloß Pech hatte, in einen gesellschaftsrechtlich eigenständigen Betrieb ausgelagert worden zu sein. Bilanztechnisch ist aus einem Menschen eine Sache geworden. Fast immer ist da auch ein fetter Bonus im Spiel. Den bekommen nämlich die GeschäftsführerInnen sehr oft, wenn sie Personalkosten senken. Denn viele Betriebswirte glauben noch immer, dass die von ihnen aufgesetzte Gleichung immer stimmt: gleicher Output mit weniger Personal = höhere Effizienz. In der Praxis sieht das also so aus: auslagern, vielleicht auch in der Auslagerung gleich noch einmal auslagern, und dann die vom Dienstleister zugekaufte Dienstleistung zukaufen. Der Kreis schließt sich, die Personalkosten sinken, der (Bonus)-Euro rollt. Gerade wenn Kernbereiche der Tätigkeit der öffentlichen Hand ausgelagert werden, erscheint die Verwaltung plötzlich ganz, ganz schlank. Der Sachaufwand? Aber geh, wer will denn so genau hinschauen! Unterm Strich ist in einer Gesamtbetrachtung alles in allem teurer als zuvor, bestenfalls ein Nullsummenspiel, in der täglichen Abwicklung aber jedenfalls komplizierter.

Boni werden kassiert, alle anderen zahlen die Zeche: ArbeitnehmerInnen werden in ihren arbeitsrechtlichen Ansprüchen über den Tisch gezogen. Die Qualität leidet, weil ausgelagerte Bereiche Eigenleben entwickeln, schwerer zu steuern sind. Die ArbeitnehmerInnen leiden, die Dienstleistung leidet, die KundInnen leiden.

Wenn die Excel-Ritter wüten

Und, noch so eine erwünschte Nebenwirkung, die Kontrollmöglichkeiten leiden! Und zwar gleich doppelt: einerseits, weil die Verästelungen durch die Organisationsstrukturen unterschiedlicher gesellschaftsrechtlicher Konstruktionen nicht mehr vernünftig nachvollziehbar sind; und andererseits, weil die rechtlichen Zugriffsmöglichkeiten für die Kontrolle eingeschränkt werden.

Der Öffentlichkeit wird vorgegaukelt, dass mit immer weiter sinkendem Personalstand immer komplexere Aufgaben erfüllt werden können. Wenn die Excel-Ritter in der Verwaltung wüten, um dort zu "versachlichen", dann kommt dazu, dass die Verwaltung, die "öffentliche Hand", insgesamt leidet. Die Rufe nach "mehr privat" werden lauter, gerade in einer Welt, die Fragen immer öfter auf das Einfache reduziert und nach ebenso einfachen Lösungen giert. Der Verwaltung und denen, die sie tragen und ausmachen, bläst ein eisiger Wind ins Gesicht. Was denen Futter gibt, die schon immer gewusst haben wollen, dass Verwaltung ineffizient sei. Wir wissen: Das Gegenteil ist der Fall. Und deshalb treten wir mit geballter Kraft gegen diese "Versachlicher" an. Schluss mit dem Unfug!

manfred.obermueller(at)wien.gv.at