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Wenn Sie ein Obst wären, was wären Sie dann?

Wenn PolitikerInnen in den Medien zu Lachfiguren werden und WählerInnen zu reinem Unterhaltungspublikum mutieren, dann ist das eine gefährliche Entwicklung für die Demokratie. Eine Beobachtung.

Was im Zirkus lustig ist ist nicht unbedingt Politik-tauglich ...

Vor dem dunkelgrauen Retroschlitten ein roter Teppich, der Mercedesstern blitzt in der Sonne, der Gurt ist rot-weiß-rot. "Damit Sie sich schon an die Schärpe beim Opernball gewöhnen können!", sagt Hanno Settele grinsend, als er Irmgard Griss die Tür öffnet. So beginnt eine Sendung der "ORF-Wahlfahrt". Der immer gut gelaunt wirkende ORF-Journalist kutschiert in seiner Sendung die sechs KandidatInnen für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten durch ganz Österreich, von Wahlkampfveranstaltung zu Wahlkampfveranstaltung, an unterschiedlichen Tagen. Die Szenen werden danach zusammengeschnitten, damit nur das Lustigste und Pointierteste übrig bleibt.

"Verstehen Sie keinen Spaß?"

Nachdem Chauffeur Settele den Autoschlüssel ins Zündschloss gesteckt hat, holt er aus dem Handschuhfach drei in Holz gerahmte Porträtbilder von Griss und hält sie ihr vors Gesicht: "Suchen Sie sich eines aus! Das wird dann in den Klassenzimmern und öffentlichen Gebäuden hängen!" Die meisten dieser Bilder, die er seinen KandidatInnen zeigt, sind lächerlich machende Schnappschüsse. Mundwinkel einmal nach oben, einmal nach unten, verzogenes Gesicht, mitten im Reden, ein Auge fast zu, das andere offen. Verdutzt starren die KandidatInnen dann auf diese drei Porträts. Nachdem sie eines ausgewählt haben, müssen sie begründen, warum gerade dieses eine Bild ihre Persönlichkeit widerspiegelt. Erster Humortest.

Spätestens an dieser Stelle muss allen ZuseherInnen klar sein: Hier werden PolitikerInnen zur Lachnummer gemacht, vom ORF - einem öffentlichrechtlichen Sender, der in seinen Public-Value-Berichten immer wieder auf seine demokratiepolitisch wertvolle, ja unerlässliche Funktion hinweist, die ihn von kommerziellen Medien unterscheide.

Es scheint, dass es das Ziel der "Wahlfahrt" ist, die KandidatInnen abseits der politischen Rhetorik und politischen Ernsthaftigkeit zu zeigen. Ob sie sich privat solchen Fragen aussetzen würden, darf jedoch bezweifelt werden.

Die Show: Österreich sucht den Polit-Superstar

Infotainment heißt das, bestenfalls. Unterhaltung gepaart mit (meist nur ein bisschen) Information. Denn Unterhaltung wird immer wichtiger - in der Mediengesellschaft. Spaß bringt Quote! Auf Kosten jener, die zur Witzfigur werden. Viele meinen: Ein Politiker bzw. eine Politikerin müssten das ja aushalten. Immerhin seien sie auf die mediale Öffentlichkeit angewiesen. Sie müssten also akzeptieren, dass politische Inhalte bald nur noch mit Unterhaltung dem Publikum "zuträglich" seien, versteckt im Zuckerwürfel des Lachens, wie bei einer Schluckimpfung, mundgerecht, leicht konsumierbar und süß, im Sinne eines "Berlusconismus".

Die Wahlfahrt steht für genau einen solchen Transformationsprozess. Politik wird mehr und mehr zum Medienspektakel. Die PolitikerInnen mutieren zu reinen EntertainerInnen, die WählerInnen setzen sich aufs weiche Sofa und lassen sich berieseln, bei Chips und Bier. Sie genießen die Show, um ein paar Tage später ihren Superstar zu "voten". Die mündigen BürgerInnen klinken sich zunehmend aus, als hätten Wahlen und damit Politik gar nichts mehr mit ihnen zu tun.

"Postdemokratie" wird dieser Zustand der Distanzierung bezeichnet - eine tiefe Demokratieverdrossenheit, das Gefühl, nichts verändern zu können. Diese politische Apathie erzeugt eine Leere, sie sich radikale Kräfte schnell zunutze machen. Das haben sie schon immer getan. Nach der Stille kommt der Sturm. Und der ORF unterstützt diese demokratieerodierende Entwicklung, indem er PolitikerInnen lächerlich macht."Der Kasperl hat immer Recht!" Baumeister Richard Lugner versteht die Medien wie kaum ein anderer. Das zeigt seine inhaltsbefreite Kampagne

"Der Kasperl hat immer Recht!"

100.000 Stimmen, 2,3 Prozent. Keine Werte mehr. Keine Rede von Verantwortung, gesellschaftlichem Zusammenhalt oder Zukunft. Stattdessen fokussieren sich die Medien eher auf seine Frauengeschichten. Mausi, Betti-Hasi, Bambi, Katzi und Kolibri. RedakteurInnen mögen es, dass Lugner so lässige Sager liefert, so direkt ist. Er weiß beispielsweise in einem Lokal immer gleich, wo das Klo ist, und er isst auch ein tagelang abgelaufenes Joghurt. "Denn Essen wirft man nicht weg!" Lugner funktioniert einfach, ein Reißer, ein Bringer.

Andreas Khol kann ein Smartphone bedienen

Dank der ORF-Wahlfahrt wissen wir nun auch, dass Alexander Van der Bellen zu einem libanesischen Friseur geht und einen Hybrid-Toyota fährt. Herr Khol kann ein Smartphone bedienen und hat mit vielen jungen Menschen Selfies gemacht. Rudolf Hundstorfer ist essenstechnisch sehr vielseitig orientiert und kann unter anderem auch singen. Norbert Hofer sagt, dass er jeden Tag Gitarre spiele und sein Kater glaube, er sei ein Hund.

Sind das nun wichtige Entscheidungshilfen für die WählerInnen? Sind es die Informationen, die erkennen lassen, ob jemand für das Amt des Bundespräsidenten bzw. der Bundespräsidentin geeignet ist? Offenbar schon, meint der ORF vor der Wahl zum höchsten Amt im Staat. Ein Amt, das die Macht verleiht, eine Bundesregierung in die Wüste zu schicken und eine andere Regierung anzugeloben oder dem Bundesheer Befehle zu erteilen. Ein mächtiges Amt, von dem ein Kandidat sogar sagt: "Sie werden sich noch wundern, was alles gehen wird!"

Frau Griss steigt aus dem Wagen. Ein Mann in Uniform steht vor ihr. Er spielt auf einer Trompete ein Lied. Wieder ein Ratespiel. "Erkennen Sie die Landeshymne?" "Die französische Hymne" antwortet sie sofort. "Richtig!", ruft Settele. "Frau Griss, wenn Sie ein Obst wären, welches wären Sie ... ?", fragt er wenig später. "Vielleicht ein Apfel, weil ich aus der Steiermark komme." Undenkbar, wenn sie Banane gesagt hätte. Oder?