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„Wir sind der Garant für Stabilität!“

Warum die FSG die gestaltende Kraft in der Personalvertretung und Gewerkschaft ist und die Stadt dringend neue Arbeitszeitmodelle braucht: Norbert Pelzer und Christian Meidlinger im großen Vorwahl-Interview mit Karin Zauner-Lohmeyer.

©Renée DelMissier

Christian, wenn Du heute durch Magistratsabteilungen gehst, welches Thema beschäftigt die Kolleginnen und Kollegen am meisten?

Meidlinger: Nummer eins ist die Besoldungsreform. Wir sehen hier noch dringenden Handlungsbedarf. Wir müssen noch ein paar Berufsgruppen nachziehen. Da sind wir gerade dabei. Thema Nummer zwei ist die Arbeitszeit. Damit Wien eine attraktive Arbeitgeberin bleibt, braucht es auch zeitgemäße Arbeitszeitmodelle.

Was meinst Du konkret?

Meidlinger: Wir verlangen als Gewerkschaft, dass ältere Kolleginnen und Kollegen, die über Überlastungen klagen, aber noch nicht in die Pension gehen wollen, gleitend in den Ruhestand gehen können. Sie haben die Möglichkeit, ihr Wissen an die Nachfolgerin bzw. den Nachfolger weiterzugeben.

Norbert Pelzer: Davon profitiert die Stadt immens. Es muss möglich sein, Personal parallel zu besetzen.

Warum sieht das die Dienstgeberin nicht ein?

Pelzer: Aus Kostengründen. Für die Vertragsbediensteten leistet das AMS ein Zubrot zur Altersteilzeit; für die Beamtinnen und Beamten jedoch nicht. Und die Stadt will das bis dato nicht bezahlen.

Meidlinger: Was die Dienstgeberin zusätzlich nochbedenken sollte: Nachbesetzungen dauern immens lange, oftmals über ein Jahr und länger. Das geht zu Lasten derer, die diese Lücke füllen müssen. Auch hier kommt es zu Überbelastungen, zu Ausfällen - auch das kostet.

Warum ist Euch das Thema Altersteilzeit ganz besonders wichtig?

Meidlinger: Wir werden in den nächsten zehn Jahren 40 Prozent des Aktivpersonals verlieren. Eine irre Summe! Wir müssen uns für die Zukunft viel besser aufstellen. Es geht dabei vor allem um Organisationsfragen und nicht so sehr um Geldfragen. Da sind die Führungskräfte gefordert. Wenn es der Handel schafft zu sagen, dass eine Vollzeitarbeitskraft einen Rechtsanspruch auf eine Vier-Tage-Woche, eine Teilzeitbeschäftigte auf eine Drei-Tage-Woche hat, dann glaube ich, dass wir nicht schlechter sein sollten als der Handel.

Soll das Arbeiten von Zuhause im Magistrat verstärktmöglich werden?

Pelzer: Momentan pilotieren wir in etlichen Dienststellen das "neue Arbeiten für Wien", das disloziertes, tageweises Arbeiten zu Hause ermöglicht. Dazu haben wir Kernzeiten aufgelöst. Es funktioniert auf Basis einer Vereinbarung mit dem oder der Vorgesetzten und den MitarbeiterInnen. Wir sehen schon in der Pilotierungsphase, dass es jetzt höchste Zeit ist, ein Regelwerk einzuziehen und das Thema in gesetzliche Bahnen zu bringen.

Meidlinger: Und wir müssen aufpassen, dass disloziertes Arbeiten nicht auf eine kleine privilegierte Gruppe abzielt. Was für einen Juristen oder eine Juristin der Stadt möglich ist, weil er seinen Akt daheim machen kann, ist für den Müllaufleger nicht möglich. Der Jurist oder die Juristin hat in der Woche womöglich drei Stunden weniger Fahrzeit. Der Müllaufleger hat das nicht. Mit dieser Ungleichheit müssen wir uns beschäftigen.

Norbert, wie beschreibst Du die Kommunikation mit der Dienstgeberin?

Pelzer: Die war in Wien immer gut und ist gut. Das unterscheidet uns auch von vielen anderen Städten. Ich bin dankbar für einen guten Lohnabschluss, den eine starke Gewerkschaft und auf der anderen Seite eine weitsichtige Dienstgeberin erreicht hat.

Wie geht die Dienstgeberin mit derForderung nach mehr Personal um?

Pelzer: Seit 1995 hat man die Dienstpostenpläne in den meisten Bereichen gedeckelt. Wir haben durch die Digitalisierung einen immensen Produktivitätszuwachs erzielt. Doch irgendwann reicht der Produktivitätszuwachs nicht mehr aus. Dieser Punkt ist in einigen Bereichen schon erreicht und von der Dienstgeberin anerkannt. Es gibt zum Beispiel mehr Personal in der MA 35 - Einwanderung und Staatsbürgerschaft, der MA 10 - Kindergärten und in der MA 40 - im Bereich der Bedarfsorientierten Mindestsicherung. Wir sehen, wo es weitere Ressourcen braucht, und verhandeln laufend.

Wenn wir über Personalressourcen und Sparen reden, dann fällt mir "Wien neu denken" ein. In diesem Programm wurden über 100 "Reformvorschläge" in Innovationsgruppen entwickelt.

Meidlinger: Ja, es gab bei "Wien neu denken" Vorschläge wie mehrjährige Nulllohnrunden oder den Vorschlag, die KFA-Versicherung aufzulösen und vieles mehr. Das alles hätte tiefe Einschnitte bei den Beschäftigten gebracht. Wir haben in mühsamsten Klein- und Kleinstverhandlungen in vielen, vielen Runden Einsparungen im hohen dreistelligen Millionenbereich verhindert. Das ist uns gelungen, weil wir eine starke Gewerkschaft sind und gemeinsam stark auftreten können.

Apropos Stärke: Wie schaut es mit der Mitgliederzahl der younion - Hauptgruppe 1 aus?

Pelzer: Wir wachsen Jahr für Jahr stetig, ein kleines Plus in jedem Jahr. In vielen Bereichen gibt es im Magistrat eine sehr hohe Organisationsdichte. Das ist großartig.

Christian, wenn Du jetzt einen jungen Kollegen oder eine Kollegin am Gang triffst, und Du willst ihn oder sie überreden, der Gewerkschaft beizutreten: Was sagst Du?

Meidlinger: Als Solidargemeinschaft können wir zusammen stärker auftreten und den Interessen der ArbeitnehmerInnen Gewicht verleihen. Wir verhandeln die Gehälter und bieten in der younion einen großartigen Rechtsschutz. Und bei uns kannst du dich einbringen. Manches Mal hilft auch ein Blick in die jüngere Geschichte, auf die vielen sozialen Errungenschaften.

Warum soll ich FSG wählen?

Meidlinger: Wir haben in der Personalvertretung und in der Gewerkschaft nahezu 80 Prozent inklusive der sozialdemokratischen Namenslisten. Das heißt, die FSG ist die Gewerkschaft - die FSG ist die Personalvertretung. Wir gestalten, wir verhandeln. Wir sind für die Kolleginnen und Kollegen da.

Pelzer: Wir sind der Garant für Stabilität, aber auch die Kraft und der Motor für Veränderungen zum Besseren für unsere Kolleginnen und Kollegen. Wir wissen auch, wo es Probleme gibt, wo wir eine Personalsituation haben, die sehr kritisch ist.

Wenn Ihr auf die letzten fünf Jahre zurückblickt, auf was seid Ihr stolz?

Meidlinger: Auf ein neues Besoldungsrecht und rechtliche Verbesserungen, Zulagenzusammenführungen, und dass wir viele Umstrukturierungen gut begleiten konnten. Wir haben "Wien neu denken" gut überlebt.

Pelzer: Die großen Themen hat Christian schon erwähnt. Stolz bin ich aber auch auf die umfassenden Beratungsleistungen, die wir anbieten: vom Kindergeld bis zum Familienbonus, von der Elternkarenz bis zur Pension. Und auf die Diversität im Team und in den Ausschüssen. Es gelingt uns immer besser, die Bediensteten der Stadt in Alter, Geschlecht und kultureller Vielfalt abzubilden.

Ist Wien in Europa nicht irgendwie das gallische Dort der Daseinsvorsorge?

Meidlinger: Wir versuchen gemeinsam mit anderen Städten der Daseinsvorsorge einen Stellenwert zu geben und alles zu tun, dass sie in der öffentlichen Hand bleibt. Wir sind ein Best-Practice-Beispielwas das Wohnen betrifft, den öffentlichen Verkehr, die Kinderbetreuung, die Wasserversorgung und die Abfallwirtschaft. Wir haben eine günstige Jahreskarte für die Öffis und den Gratis-Kindergarten. Solche Maßnahmen sind für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schön, weil das gesamte Leben leistbarer wird. Da sind wir hervorragend unterwegs.

Pelzer: Und diese Regierung macht alles madig. Sie möge mir bitte zeigen, wo es besser läuft als bei uns in Wien.

Die Bundesregierung zeigt immer wieder mit dem Finger auf Wien und sagt: Warum gibt es in Wien keinen Gebührenstopp?

Meidlinger: Wir haben Unternehmenwie Wiener Wohnen, Müllabfuhr, Kanal, Wasserwerk - das sind Betriebe. Jetzt will ich Herrn Kurz und den Finanzminister fragen: Wo haben Sie einen Betrieb? Ihr habt keinen einzigen. Ihr braucht über Gebühren mit uns nicht zu diskutieren! Und wenn man meint, man kürzt Gebühren und die MitarbeiterInnen werden das schon schlucken - das geht gar nicht. Oder sollen wir kostenbedingt ein Kanalrohr nur dann tauschen, wenn es kaputt ist?

Pelzer: Noch besser: die Stromleitung! Tauschen wir doch nur noch die Stromleitung, wenn es den Verteiler zerreißt. Ups, jetzt ist ein ganzer Bezirk finster.

Viele Menschen in Österreich haben Zukunftsängste. Wie sehr bewegt Dich dieses Thema, Christian?

Meidlinger: Emotional sehr. Wir haben eine Spaltung zwischen denen, die besitzen und denen, die nicht besitzen. Wir haben ein Stadt-Land-Gefälle. Wir haben auch ein massives Bildungsgefälle. 50 Prozent der Arbeitslosen, vor allem auch die Jungen, haben keine Ausbildung und maximal Pflichtschulabschluss. Damit haben sie es ganz besonders schwer.

Was trägt die Bundesregierung zur Lösung dieser Bildungsprobleme bei?

Meidlinger: Die Bundesregierung streicht die Fördermaßnahmen für bildungsschwache Menschen. Ein Beispiel von vielen: Ab 2020 will das AMS nicht mehr die überbetriebliche Lehrlingsausbildung mitzahlen. Das Projekt ist damit tot. Wir haben zu Spitzenzeiten mehr als 4.000 Jugendliche in dieser Ausbildungsschiene gehabt. Die Alternative nun: Sie sind auf der Straße. Und wir geben ihnen das Gefühl, dass wir sie überhaupt nicht brauchen.

Agiert die Bundesregierung Wien-feindlich?

Meidlinger: Von der Bundesregierung gibt es keine einzige Maßnahme, die den Wienerinnen und Wienern gut tut. Das ärgert mich wirklich maßlos.

Habt Ihr schon einmal an Streikgedacht?

Meidlinger: Soweit sind wir in unseren Bereichen "Gott sei Dank" noch nicht. Weil wir eine Dienstgeberin haben, mit der wir Dinge sozialpartnerschaftlich gut vereinbaren können, und da ist halt Wien wirklich anders als der Bund.

Pelzer: Wir finden in der Wiener Politik sehr viele, die zuhören. Und das ist gut so.

teamwork(at)fsg-hg1.at

 

 

Christian Meidlinger im Wordrap

Bundesregierung: nicht auszuhalten

Sport: Schi fahren

Solidarität: Ein Wort, das wir leider viel zu viel erklären müssen, was es bedeutet

Familie: ganz, ganz wichtig

Vorbild: Rudi Böder, ehemaliger Vorsitzender der Gemeindebediensteten (mein Vor-Vor-Vor- Gänger)

Lieblingsbuch: Medicus (Noah Gordon)

 

 

Norbert Pelzer im Wordrap

Bundesregierung: arbeitnehmerfeindlich

Sport: Rad fahren

Public Management: Warum sagen wir nicht öffentliche Verwaltung?

Wien ist für mich: meine Herzensstadt

Familie: Anker

Vorbild: habe ich keines

Lieblingsbuch: Der Name der Rose (Umberto Eco), Katz und Maus (Günter Grass)