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Der Schmäh von der „neuen Normalität“

Seit über einem halben Jahr möchte uns die Regierung weismachen, dass wir uns nach der Corona-Akutphase im März und April dieses Jahres mit der neuen Normalität abzufinden haben.

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Anscheinend wissen die zuständigen Damen und Herren nicht, was der Begriff "Normalität" bedeutet. Das wäre nämlich ein Zustand ohne außergewöhnliche Umstände, ungewohnte Abläufe oder besondere Belastungen.

Irgendwie nicht das, was unseren derzeitigen Alltag beschreiben würde, oder? Vielmehr haben wir es mit einer "neuen Realität" zu tun. Klingt nach Wortspalterei? Ist es aber nicht.

Realität akzeptieren

Auf Realitäten müssen wir reagieren, auch wenn sie nicht immer angenehm sind. Die Nachricht von einer wirklich schwerwiegenden Erkrankung zum Beispiel würde uns wie ein Keulenschlag treffen. Wir wären verzweifelt, haderten mit dem Schicksal, pendelten zwischen Depression und Aggression. Aber wir würden niemals von einer nun neuen Normalität sprechen. Vielmehr müssten wir mit einer neuen Realität zu leben lernen. Einer Realität, die eine Reihe von Einschränkungen gegenüber einem normalen Leben mit sich bringen würde.

Denn Normalität bezeichnet in der Soziologie das Selbstverständliche. Selbstverständliches, das in einer Gesellschaft nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Wie wir mit der Realität der weltweiten Pandemie weiter umgehen, ist aber noch nicht zufriedenstellend für alle entschieden, vieles muss noch ge- und erklärt werden, von Selbstverständlichkeit sind wir weit entfernt.

Bedürfnisse wahrnehmen

Der Mensch ist ein soziales Wesen.Wir brauchen andere Menschenund sind abhängig davon, dasswir als Teil einer Gemeinschaft interagieren. Es ist zum Beispiel normal, für seine Liebsten da zusein, wenn sie einen dringend brauchen. Die aktuelle Realität sieht aber nur eine Besuchsperson pro Tag im Spital oder Pflegeheim vor. Und da bitte mit einem Baby-Elefanten dazwischen sowie einer Maske vor dem Gesicht. Zwischenmenschliche Beziehungen bestehen nun einmal nicht nur aus Worten, nein auch und viele andere nonverbale Kommunikationsformen sind ein immanenter Bestandteil einer gelungenen zwischenmenschlichen Kommunikation. Im Kindergarten hat man das zum Glück erkannt und versucht trotz allem mit den Kindern normal zu kommunizieren. Dort gibt es nicht nur tröstende oder aufbauende Worte, sondern auch ein Streicheln, in den Arm nehmen oder ein freudiges Gedrücktwerden. Da braucht es oft gar keine Worte, da genügt meist schon ein Lächeln.

felix.steiner(at)wien.gv.at