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Arbeiten bis zum Umfallen?

Ein längerer Verbleib im Arbeitsleben braucht mehr Planung.

Die EU legt uns neuerdings nahe, zur Finanzierung unserer Sozialsysteme doch das gesetzliche Pensionsantrittsalter auf 70 zu erhöhen. Auch bei uns häufen sich die Stimmen, die einen längeren Verbleib im Arbeitsleben fordern. Pensionsexperten verbreiten Panik, indem sie behaupten, dass das System vor dem Kollaps steht. Was mich dabei ärgert: Offenbar hat sich noch keiner dieser Experten und Politiker überlegt, wie so etwas im Detail funktionieren soll. Wird eine alte, gebückte Kindergärtnerin in Zukunft einem Kind nachlaufen müssen, das in den Garten entwischt ist? Brauchen wir Rollatoren, damit betagte Rettungsfahrer ihren Dienst verrichten können? Reinigen künftig Kanalarbeiter am Gehstock die Kanalprofile? Soll eine Krankenschwester mit Krücke die Patienten betreuen? Rettet uns ein 69-jähriger Feuerwehrmann mit schwerem Atemschutz aus dem sechsten Stock?

 

Neue Aufgaben
Es gibt Tätigkeiten, die unmöglich bis 70 ausgeübt werden können. Wenn wir wollen, dass die Menschen länger arbeiten, müssen wir auch die Arbeitswelt neu gestalten. Dazu sollten wir das Wissen derer, die ein Berufsleben lang "an vorderster Front" waren, wie einen Schatz hüten: Bei der Diensteinteilung könnte das ebenso ein Gewinn sein wie in der Weitergabe von Wissen an die Jungen.

Kolleginnen mit zig Jahren Routine wären zum Beispiel ideale Ausbilder für den Nachwuchs. Damit man in ein quasi zweites Berufsleben starten kann, braucht es aber Planung: Welche Stärken haben sich im Laufe des Berufslebens herauskristallisiert, die man später auch in anderen Bereichen einsetzen könnte? Wann müssen Umschulungen beginnen? Können die Betroffenen sich vorstellen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren – und im Gegenzug auf ein Ansteigen der Gehälter zu verzichten?

 

Neues Denken
Bislang kenne ich noch kein vernünftiges Konzept zu diesen Fragen. Nicht durch Pensionszu- oder -abschläge können Ältere dazu bewogen werden, länger zu arbeiten – sondern indem sie ein Arbeitsumfeld vorfinden, das ihren Fähigkeiten und ihrer Belastbarkeit entspricht. In Schweden, wo rekordverdächtige 70 Prozent der 55- bis 64-Jährigen noch im Arbeitsleben stehen, setzen Firmen etwa auf vermehrte Teamarbeit und den Abbau hierarchischer Strukturen. Die Erfahrung der älteren Arbeitnehmer spielt dort eine erhebliche Rolle: Es wird ihnen das Gefühl gegeben, dass sie gebraucht werden. Die meisten privaten Arbeitgeber in Österreich hingegen geben ihren langjährigen, verdienten Mitarbeitern oft das Gegenteil zu verstehen. Kein Wunder, dass bei uns 30 Prozent der PensionistInnen direkt aus der Arbeitslosigkeit kommen. Es braucht also individuelle Anreize für die ArbeitnehmerInnen genauso wie Druck auf die Arbeitgeber – sowie einen Wandel der Kultur. Und weniger Experten, die Alarm schreien, ohne Lösungen zu präsentieren.