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"Die Gesundheit muss der Politik etwas wert sein."

Warum das Hygienezentrum der Stadt Wien bei der Bekämpfung der Pandemie eine ganz zentrale Rolle spielt, erklärt dessen Leiter Nikolaus Salzer.

Ein Team der MA 15 kurz vor dem Einsatz ©PID/Alexandra Kromus

Der Geruch von Chlor kriecht in die Nase, wenn man sich dem unscheinbaren Gebäude in der Rappachgasse 40 in Simmering nähert. Mit jedem Schritt ein bisschen mehr. "Hygienezentrum der Stadt Wien" prangt in großen roten Lettern vom Flachdach. Herr im Haus ist Nikolaus Salzer. Er ist gelernter Maschinenbauingenieur, hat aber noch nie eine Maschine gebaut, wie er selbst sagt, sondern relativ lange in der Lebensmittelindustrie gearbeitet - als Schichtleiter.

Bereits damals hatte er viel mit dem Thema Hygiene zu tun. Neben seinem "Brot-Job" ist Salzer seit 1988 beim Österreichischen Bundesheer und heute ein ABC-Abwehroffizier in der Miliz. In dieser Rolle war er auf zahlreichen internationalen Einsätzen, unter anderem auf einer UN-Mission im Libanon, und hat im Auftrag der UN internationale Teams geschult und geleitet. Dass er viel Erfahrung hat, wird spätestens in seinem Büro sichtbar. Über seinem Schreibtisch zig Abzeichen unterschiedlicher Provenienz, Dienstgrade, Fotos von Einsätzen; auch das hellblaue UN-Barett ist angepinnt. Nicht zuletzt aufgrund seiner Ausbildung im Umgang mit atomaren, biologischen und chemischen Szenarien (ABC) hat es ihn dann zur Stadt Wien verschlagen - in das Hygienezentrum der MA 15. Zunächst war er stellvertretender Personalleiter, und seit 1. Jänner 2019 ist er Leiter des Hygienezentrums, also Chef von 22 MitarbeiterInnen.

Sehr spezielle Anforderungen

"Für die Arbeit hier musst du der richtige Typ sein, körperlich und psychisch belastbar", meint er. "Denn wir sind zuständig für die Totenbeschau und das Leichenwesen der Stadt Wien, Desinfektionen und insbesondere Entwesungen. Wir betreuen auch die Obduktionseinheit Simmering und sind zuständig für die Entlausung. Das alles musst du aushalten."

Wir setzen uns in einen Besprechungsraum, um über die aktuelle Pandemie zu sprechen.

War Europa auf diese Pandemie gut vorbereitet?

Ich glaube, die gesamte Welt war nicht gut genug vorbereitet. Interessant ist die Tatsache, dass für die Analysten diverser Regierungen klar war, dass diese Bedrohung sehr wahrscheinlich und sehr gefährlich ist - nicht nur für die Gesundheit der Menschen, sondern auch für die Wirtschaft und den Weltfrieden. Vor diesem Hintergrund haben die Verantwortlichen das nicht ernst genug genommen.

Woran machst du das fest?

Es gab erhebliche Mängel bei der Bevorratung - auch in Österreich. Die Produktion von strategisch wichtiger Schutzausrüstung, Desinfektionsmitteln und Medikamenten wurde von den europäischen Staaten aus der Hand gegeben und ins Ausland, zum Beispiel nach China, ausgelagert. Der Grund: Profitgier. Es muss alles noch billiger sein, und der Shareholder-Value muss stimmen. Dumm gelaufen, dass gerade China der Ausgangspunkt der Pandemie war, und daher die Produktion dort niedergebrochen ist und die ganze Welt dann nichts mehr bekommen hat. Wir haben glücklicherweise zu einem sehr frühen Zeitpunkt, als die pandemische Entwicklung noch nicht absehbar war, entschieden, sicherheitshalber Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel zu kaufen. Das war wirklich wichtig.

Wann habt ihr im Hygienezentrum von diesem gefährlichen Virus erfahren?

Wir waren die ersten in Wien, die mit Verdachtsfällen in Berührung gekommen sind. Bei uns im Haus waren die Heimkehrer aus der chinesischen Provinz Wuhan einquartiert. Im ersten Durchgang Anfang Februar acht und im zweiten vier. Sie wurden zwei Wochen bei uns isoliert und versorgt. Wir haben ihnen das Essen organisiert, Wäsche gewaschen und sie betreut. Damals gab es noch gar keine Fälle in Österreich und in Europa noch sehr wenig. Bundesminister Anschober war da, Vertreter der Magistratsdirektion und unser Amtsführender Stadtrat. Sie sind hier zusammengesessen und haben die Lage besprochen. Wenig später gab es die ersten Fälle in Kärnten, und dann den ersten Fall in Wien. Von da an ist es rund gegangen.

Wie ist es dann weitergegangen?

Wir haben rasch unsere Entlausungsstation geschlossen, um Ressourcen frei zu bekommen und den Journaldienst verstärkt. Seit der COVID-19-Krise bekommen wir zirka tausend E-Mails pro Tag und so an die 500 bis 600 Anrufe. Zwei Personen machen nichts anderes als diese E-Mails zu sichten bzw. an diverse Verteiler weiterzuleiten.

Alles besorgte Bürgerinnen und Bürger?

Ja, aber auch Leute, die von der Hotline 1450 direkt an uns weiterverwiesen werden. Teilweise falsch, oder teilweise, weil die MitarbeiterInnen der Hotline die Fragen selbst nicht beantworten können.

Befasst du dich auch mit Verschwörungstheorien?

Ich schau mir auch die Verschwörungstheorien an, weil wir natürlich auch Anrufe mit derartigen Fragen bekommen.

Wann rückt ihr aus?

Wenn die Stadt Wien eine Desinfektion behördlich anordnet - in einem Kindergarten, in einem öffentlichen Bus oder in einem Postverteilzentrum. Dann rücken wir aus, teilweise mit vier bis sechs Leuten, teilweise am Sonntag oder Feiertag. Wir haben zwei MitarbeiterInnen im Desinfektionsdienst und drei MitarbeiterInnen pro Tag, die den Totenbeschaudienst fahren, in drei Diensten: früh, spät und nachts, also 24/7. Wir desinfizieren hier im Zentrum, aber auch alle Fahrzeuge und Gegenstände, die mit COVID-19-Patienten in Berührung gekommen sind. Da wir einen Fuhrpark haben, bringen wir derzeit die Abstrichproben vom Roten Kreuz in die entsprechenden Labors.

Welche Mittel verwendet ihr für Desinfektionen? Gibt es ein Art Standardmittel?

Nein, da gibt es viele verschiedene, je nach Anwendungszweck. Entscheidend ist, was wir bekämpfen wollen und auf welcher Oberfläche. Wir verwenden hier nur jene Mittel, die auf Listen von anerkannten Instituten stehen.

Und bei Corona?

Da haben wir das Glück, dass es ein behülltes Virus ist und diese Lipidhülle des Virus mit normaler Seife bei ordentlichem Händewaschen zerstört werden kann. Daher: Händewaschen, Händewaschen, Händewaschen! Wichtig sind im medizinischen Bereich natürlich die Schutzausrüstungen.

Betriebswirtschaftlichkeit ist nachrangig

"Apropos Schutzausrüstung. Ich zeige dir was." Wir verlassen das Besprechungszimmer und gehen in einen anderen Raum. Verschiedenfarbige Schutzanzüge hängen auf der Wandgarderobe. "Die Anzüge haben unterschiedliche Qualitäten, je nach Einsatzzweck." Salzer fährt mit der Hand in einen gelben Schutzanzug hinein und klappt das Etikett auf. "Made in China. Und genau das ist das Problem. Wir brauchen Anzüge, die in Österreich produziert werden, und es wäre sinnvoll, im gesamten Bundesgebiet die gleichen Schutzanzüge zu haben." Er zieht die Hand aus dem Anzug heraus und streicht mit dem Zeigefinger entlang einer Naht, auf der Außenseite. "Kunststoffe enthalten Weichmacher, die unter UV-Licht brüchig und damit undicht werden können. Daher haben alle Schutzanzüge ein Ablaufdatum. Ist es deutlich überschritten, müssen tausende Anzüge, ohne jemals getragen worden zu sein, weggeworfen werden."

Dann zeigt er auf einen weißen Anzug. "Dieser hier kostet 100 Euro das Stück und es kann sein, dass du am Tag drei davon brauchst. Am Abend sind dann 300 Euro weg. Aber das ist so. Hier sind betriebswirtschaftliche Berechnungen komplett fehl am Platz. Zu sagen, dann kaufen wir halt weniger oder machen wir eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, ist absolut fahrlässig. Die Gesundheit der Menschen muss der Politik etwas wert sein. Das sehen wir jetzt in der Krise. Wir brauchen eine gute Ausrüstung, weil wir sonst den Menschen in Wien nicht helfen können", betont er.

Versorgt ihr alle Amtsgebäude mit Desinfektionsmittel?

Nein, wir haben hier nur Mittel für den Eigenbedarf. Wir haben zum Höhepunkt der Krise natürlich andere Einsatzorganisationen, aber auch medizinische Einrichtungen mit Desinfektionsmitteln und Schutzausrüstung unterstützt.

Wer beurteilt die medizinische Gefahr des Virus?

Der medizinische Krisenstab. Dort sitzen auch die AmtsärztInnen aus dem Bereich des medizinischen Krisenmanagements und der Infektionsvorsorge. Sie beschäftigen sich unter anderem auch damit, Infektionscluster herauszufinden und der Frage nachzugehen: Wie hängen Fälle zusammen? Da wird herumtelefoniert und vor Ort gefahren. Ziel ist es, Infizierte einzugrenzen, Kontaktpersonen abzusondern.

Innenminister Nehammer hat Wien angeboten, dass die Polizei die Einhaltung der Quarantäne überprüft? Wie siehst du das?

Purer Populismus, da die Polizei mit ihren Kräften niemals in der Lage wäre, alle Menschen, die in Quarantäne sind, rund um die Uhr zu überwachen. Wir sind in keinem Polizeistaat! Es wäre ein fatales Signal, wenn die Polizei durch die Straßen patrouilliert, Personen kontrolliert und ohne Durchsuchungsbefehl Wohnungen betritt. Aus meiner Sicht ein politisches Hick-Hack, nicht mehr.

Wie siehst du die Idee mit der App und dem Contact-Tracing?

Die App-Idee sehe ich sehr kritisch, aufgrund des Datenschutzes. Verpflichtend bin ich total dagegen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den anderen Blaulichtorganisationen?

Sehr gut. MA 70, MA 68 und MA 15 Hygienezentrum arbeiten super zusammen. Man kennt sich und ruft sich an. In dem Container vor unserem Haus sind gerade die Matratzen aus dem COVID- 19-Betreuungszentrum der Messe Wien. Wir desinfizieren gerade tausend davon. Sie werden von der Feuerwehr transportiert. Ich rufe den Verbindungsoffizier der Feuerwehr an, und dann funktioniert es einfach. Insgesamt ist es so, dass man bei uns das Gefühl hat: Dafür sind wir da! Dafür werden wir gebraucht!

Warst du bei der Errichtung des COVID-19-Betreuungszentrums in der Messe Wien eingebunden?

Ja, gemeinsam mit dem ärztlichen Leiter und anderen Experten habe ich das Konzept erstellt. Innerhalb eines Wochenendes wurde das Zentrum aufgebaut und dann dem Arbeiter-Samariter-Bund übergeben. Großartig, was die Stadt imstande ist zu leisten. I

st für die MitarbeiterInnen die COVID-19-Krise sehr belastend?

Nein, ich denke nicht. Die MitarbeiterInnen sind sehr motiviert, sie machen einen Super-Job. Es ist so, dass man bei uns das Gefühl hat: Dafür sind wir da! Dafür werden wir gebraucht! Trotz aller Ärgernisse, weil bestimmte organisatorische Dinge in der Krise nicht so funktionieren wie sie sollten.

Zum Beispiel?

Einerseits ändern sich die gesetzlichen Vorgaben des Bunds ständig. Kaum haben wir irgendwas nachgezogen, kommt wieder eine Änderung. Das führt dazu, dass wir Dinge, die wir schon auf Schiene gebracht haben, wieder umstoßen müssen.

Wie wird es weitergehen? Wann hat die Gesellschaft das Virus bekämpft?

Seriöser Weise, soweit ich den wissenschaftlichen Stand kenne, kann man das noch gar nicht sagen.

Was könnte die Stadt Wien künftig besser machen?

Wir sollten nach der Krise die Organisationsstruktur kritisch analysieren. Die Verantwortung liegt in den Händen einiger weniger, die seit Monaten in den Einsatzstäben sitzen. Das birgt die Gefahr des Ausbrennens. Klar ist: Der Katastrophenschutz braucht ausreichend Ressourcen in Bezug auf Infrastruktur, Personal, IT und Ausrüstung. Nur so können große Krisen gut bewältigt werden.

Könnte sich die Stadt auch etwas vom Bundesheer abschauen?

Ja. Beim Heer wird der Lagebericht wesentlich kompakter vorgetragen, damit werden Sitzungsmarathons vermieden. Auch ein einziges Lagezentrum, in dem alle Wiener Krisenstäbe tagen, alle Informationen zusammenlaufen und die Lage in dem Raum abgebildet wird, wäre meiner Meinung nach sehr sinnvoll.

Die letzte Antwort ist notiert; wir verabschieden uns voneinander. Als ich aus dem Haus gehe, fällt mir wieder der Chlorgeruch auf - vorhin, im Hygienezentrum war er irgendwie in den Hintergrund getreten. Noch einmal drehe ich mich um zum hellblauen Gebäude. Ein Leichenwagen ist eingebogen und hält. Im Hygienezentrum geht der Alltag weiter. Die Krise ist mittlerweile längst ein selbstverständlicher Teil davon geworden.

teamwork(at)fsg-hg1.at

 

„Wir brauchen eine gute Ausrüstung,
weil wir sonst den Menschen in
Wien nicht helfen können."