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"Die Kolleginnen und Kollegen geben alles."

Warum Wien auf diese Pandemie sehr gut vorbereitet war, und wie es gelungen ist, das Funktionieren der Stadt auch während der Krise sicherzustellen, erklärt Mag. Wolfgang Müller MBA.

Krisenstabssitzung Anfang März (v.l.n.r.: Andreas Huber, Sprecher des Medizinischen Krisenstabs, Johannes Stommel, Hauptinspektionsoffizier der Berufsrettung Wien, Dr. Michael Binder, Medizinischer Leiter des KAV, Dr.in Ursula Karnthaler, Stellvertretende Leiterin der MA 15 Gesundheitsdienst, Mag. Wolfgang Müller, Magistratsdirektor-Stellvertreter, Mag.a Michaela Amschl, Gruppenleiterin Krisenmanagement und Sicherheit)

Wann hat die Stadt Wien von COVID-19 erfahren?

Die Stadt Wien beobachtet permanent die aktuellen internationalen Entwicklungen, die epidemiologischen Aspekte werden laufend von der MA 15 - Gesundheitsdienst der Stadt Wien gescreent. Wir waren daher via WHO schon früh - also Anfang 2020 - informiert.

Was waren die größten Herausforderungen am Anfang?

Zunächst ging es darum, unseren Pandemie-Plan an die neue Situation anzupassen und uns auf die neue Situation einzustellen. Pandemien haben zwar grundsätzliche Ähnlichkeiten, sind aber aufgrund der epidemiologischen Besonderheiten unterschiedlich abzuarbeiten. Jede Pandemie ist sozusagen für sich "speziell".

Wurde ein Pandemie-Szenario schon einmal geübt? War die Stadt gut vorbereitet?

Ja, die Stadt war gut vorbereitet, wir sind für unsere Praxis im Krisen- und Katastrophenmanagement bekannt. Wir testen und üben laufend verschiedenste Krisenlagen. Allerdings muss man in Pandemie-Situationen berücksichtigen, dass die Art der Bedrohung nicht wie z.B. bei Hochwasser in der konkreten Ausprägung vorhersehbar ist. Das medizinische Krisenmanagement für Pandemien funktioniert daher nicht so, dass man 100 verschiedene Detailpläne in der Schublade liegen hat. Man nimmt also nicht etwa den Plan 78 aus dem Regal und beginnt diesen im Detail umzusetzen. Man arbeitet vielmehr mit modularen Plänen, die kurzfristiga n die konkrete Situation angepasst werden. Und die Situation hat sich ja ständig verändert ... Für alltägliche Standardabläufe arbeitet man mit Prozessmanagement, verändert sich aber die Aufgabe ständig auf völlig neue Weise - und das ist hier in dieser Corona-Pandemie sehr gut zu beobachten - dann arbeitet man mit sogenannten Führungs- und Einsatzstäben. Sie dienen dazu, die Situation immer wieder neu zu beurteilen und auf Basis der Einbeziehung eines möglichst breiten Know-hows von Expertinnen und Experten schnelle Entscheidungen treffen zu können und in weiterer Folge die Maßnahmen umzusetzen.

Wie ist der Krisenstab der Stadt Wien zusammengesetzt, und wie oft tritt er zusammen?

Der medizinische Krisenstab der Stadt Wien in der Corona-Pandemie orientiert sich an den Vorgaben der Wiener Pandemie-Planung und den Erfordernissen des Epidemiegesetzes. Es handelt sich daher um einen medizinischen Krisenstab, der unter der Leitung der Landessanitätsdirektion steht und derzeit täglich tagt, bei Bedarf auch öfter. Die Fachkompetenz der MA 15 ist mit jener der Ärztlichen Direktion des Wiener Gesundheitsverbunds zusammengeführt. Die Gesamtkoordination obliegt mir im Auftrag des Magistratsdirektors.

Mit wem aus der Politik werden die Entscheidungen abgestimmt?

Da im medizinischen Krisenstab die Büros aller Geschäftsgruppen vertreten sind, erfolgt auf diesem Wege auch die Abstimmung mit den Amtsführenden Stadträtinnen und Stadträten, in erster Linie mit Gesundheitsstadtrat Peter Hacker. Die politische Letztentscheidung liegt natürlich bei Bürgermeister Michael Ludwig.

Wie hat die Zusammenarbeit mitdem Bund funktioniert?

Die Zusammenarbeit mit dem Bund erfolgt auf verschiedensten Ebenen. Es gibt eine Abstimmung zwischen dem Bundeskanzler und den Landeshauptleuten, zwischen Gesundheitslandesrätinnen und -räten, also dem Gesundheitsstadtrat und seinen Kolleginnen und Kollegen aus den Bundesländern, und dem Bundesminister. Und natürlich gibt es außerdem eine Abstimmung auf der Ebene der Führungs- und Einsatzstäbe im Bund und in den Ländern.

Wie ist es gelungen, Panik zuvermeiden?

Ich denke, dass Panik immer dann im Raum steht, wenn man sich nicht eindeutig für Maßnahmen entscheidet oder diese nicht klar kommuniziert werden. Wir konnten bisher sicherstellen, dass diese beiden Punkte nicht eintreten.

In kürzester Zeit mussten viele neue Dienstvorschriften auf den Weg gebracht werden. Wie hat die Zusammenarbeit mit der Personalvertretungfunktioniert?

Ja, das Herunterfahren einer Stadtverwaltung unter gleichzeitiger Aufrechterhaltung der vollen Funktionsfähigkeit ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Hier ging es im Kern darum, klare Prinzipien zu formulieren und gleichzeitig jene Flexibilität aufrecht zu erhalten, die in einem Betrieb mit 65.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ganz einfach erforderlich ist. Bei einem solchen Unterfangen istn atürlich die Zusammenarbeit mit der Personalvertretung ein zentraler Erfolgsfaktor. Das hat ausgezeichnet funktioniert. Kurz gefasst kann man sagen, die Corona-Krise war eine Art lebensechter Beweis dafür, wie engagiert unsere Bediensteten sind, wie wichtig ihnen ihre eigene Aufgabe ist und das, was sie damit als Leistung für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, also für uns alle, erbringen.

Werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt längerfristig mit Veränderungen rechnen müssen?

Das Signifikante an der Corona-Pandemie ist, dass wir eigentlich nach wie vor über das Virus nicht wirklich viel wissen. Man kann auch nicht wie in anderen Fälle nauf internationale Expertinnen und Experten zählen, also quasi in Oxford oder Harvard anrufen. Denn die wissen auch nicht mehr als wir. Ich denke aber, wir müssen damit rechnen, dass uns das Virus in den nächsten Jahren zumindest bis zum Finden einer wirksamen Impfung beziehungsweise eines wirksamen Medikaments begleiten wird.

Wurden auch Probleme in der Gemeinwohlvorsorge sichtbar, und wie wurden diese gelöst?

Für uns war klar, dass wir nach zwei großen Prioritäten vorgehen müssen, die nach wie vor Gültigkeit haben. Erstens: Wir müssen unsere wichtigste Ressource, nämlich die Gesundheitsversorgung, insbesondere hier die Wiener Spitäler, durch geeignete Maßnahmen vor den Auswirkungen der Corona-Pandemie schützen und sie möglichst leistungsfähig erhalten. Zweitens müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Stadt auch unter den schwierigsten Bedingungen in vollem Umfang funktioniert. Diesen beiden Prioritäten haben sich alle unsere Maßnahmen untergeordnet, und ich bin sehr froh, dass wir diesbezüglich bisher erfolgreich waren.

Was hätte die Stadt noch besser machen können?

Ich denke, es wäre nicht sehr seriös, diesbezüglich jetzt schon Schlüsse zu ziehen. Hier bedarf es einer eingehenden nachträglichen Evaluierung unserer Maßnahmen. Aber ich bin sicher, dass wir daraus einiges für die Zukunft lernen werden. Dass bisher verhindert werden konnte, dass die Gesundheitsversorgung oder die öffentlichen Dienstleistungen zusammenbrechen, wie wir das in einigen anderen Städten und Regionen gesehen haben, sondern im Gegensatz dazu ganz hervorragend funktionieren, ist der guten Vorbereitung und Qualität geschuldet, die Wien in diesem Bereich hat.

Welche Lehren haben Sie ganz persönlich aus der Krise gezogen?

Ich muss wirklich sagen, dass ich immer wieder überrascht bin, wie leistungsfähig diese Stadtverwaltung in schwierigen Situationen ist. Die Kolleginnen und Kollegen geben alles, vor allem auch im medizinischen Krisenstab. Ich denke, dass wir alle noch mehr als bisher darauf  achten müssen, dass sich unsere Leute auch Pausen gönnen, um die Stärke der Kräfte aufrechterhalten zu können.

Was werden die größten Herausforderungen für die Stadtverwaltung in den kommenden Monaten sein?

Ich denke, ganz zentral wird sein, wie wir es schaffen durchzuhalten. Im Rahmen der Wiederöffnung ist es zentral, die epidemiologische Situation sehr intensiv zu beobachten und bei Bedarf extrem rasch Maßnahmen zusetzen. Das ist natürlich am Land viel einfacher als in der Stadt, wo sehr viele Menschen auf relativ engem Raum zusammenleben. Daher kommt der persönlichen  Disziplin der Wienerinnen undWiener beim Abstand halten und auch beim Tragen von Masken in jenen Bereichen, in denen es notwendig ist, zentrale Bedeutung zu. Ich bin aber überzeugt, dass wir auch diese Herausforderung gemeinsam meistern werden.

teamwork(at)fsg-hg1.at

 

„Wir testen und üben laufend
verschiedenste Krisenlagen.“