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Österreich ist nicht Italien

97 Prozent der österr. Unternehmen zu klein für eigene Lohnrunden

Italien plant laut Wirtschaftsblatt vom 2.9.2011 (S. 12) die Kollektivvertragskompetenzen von nationaler Ebene auf die Unternehmen zu verlagern. Die jährlichen Lohnverhandlungen und die Festlegung der Rahmenbedingungen für die Arbeitszeit, Kündigungsfristen und Überstundenregelungen sollen künftig von den Sozialpartnern nicht zentral sondern auf der Betriebsebene ausgehandelt werden. Dabei gehe es nicht nur für die ArbeitnehmerInnen um viel, sondern um die Zukunft der gesamten italienischen Wirtschaft, betont Autor Herbert Geyer. Die regelmäßige Anpassung der Löhne an die Inflationsrate sei die Voraussetzung für die Kaufkraft im Land.

Der Wirtschaftsexperte bezweifelt in seinem Artikel die Umsetzbarkeit von Betriebslohnrunden in Österreich. Er führt dabei folgende Argumente ins Treffen:

-) Zu kleine Unternehmen
Insgesamt hätten 97,9 Prozent der österreichischen Unternehmen weniger als 50 Beschäftigte. Für sie würden die Löhne zentral verhandelt, so Geyer. Insgesamt gäbe es in Österreich nur 6163 Unternehmen, die groß genug seien, um eigene Lohnrunden zu führen. Fazit: Österreichs Unternehmen sind zu klein für betriebliche Lohnrunden.

-) Starke Lohnunterschiede zwischen Land und Stadt
Die Volkswirtschaft hätte vermutlich wenig Freude mit den vor allem regional höchst unterschiedlichen Löhnen, so Geyer. So wären in Ballungszentren mit einem funktionierenden Arbeitsmarkt die Löhne vermutlich deutlich höher als an den strukturschwachen Randregionen. Die bundesweit einheitliche Erhöhung der KV-Mindestlöhne bringe den kaufkraftschwachen Regionen ja derzeit prozentuell höhere Lohnzuwächse als den Ballungszentren.

-) Niedriglöhne behindern Selektion
Vor allem schlecht wirtschaftende Betriebe würden auf Kosten der ArbeitnehmerInnen überleben. "Da hätten gut wirtschaftende Unternehmen wenig Freude damit", so Geyer.

"Diese Analyse über die Lage in Italien ist eine Bestätigung, dass wir in Österreich auf dem richtigen Weg sind", betont Michael Kerschbaumer, Finanzreferent der HG1. "Zentrale branchenspezifische Lohnverhandlungen der Sozialpartner sorgen für mehr Gerechtigkeit im Land, stärken kaufkraftschwache Regionen und verhindern Verstädterung", so Kerschbaumer weiter. "Ich teile die Einschätzung von Herrn Geyer, dass die Lohnabschlüsse in den Ländern noch stärker als bisher über die Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Lebensstandard der Euro-Länder entscheiden werden, weil die Zins- und Währungspolitik zentral von der EZB gemacht und die nationale Budget- und Steuerpolitik durch zahllose Vorschriften (Maastricht-Klauseln) eingeschränkt wird. Damit werden die Gewerkschaften in Europa an Bedeutung gewinnen."