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Unsichtbarer Gegner

Psychische Stabilität und körperliche Fitness sind für das Rettungspersonal unerlässlich. Nun waren sie besonders wichtig, um die Angst um die eigene Gesundheit gut im Griff zu behalten.

Seit Mitte März muss bei jedem Einsatz mit einer möglichen Corona-Infektion gerechnet werden ©Berufsrettung Wien

Den täglichen Umgang mit Krankheit, Leid und sogar Tod zu verkraften, gehört im Rettungsdienst zum Beruf. Aber plötzlich war da, was man bisher nur aus Filmen kannte und nach Jahresbeginn nur in Radio und Fernsehen aufgetaucht war: ein unbekanntes Virus. Ab sofort war jede/r Patient/in mit unspezifischen Symptomen wie Husten, Fieber oder Atemnot ein/e potentielle/r Virusträger/in. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die jährliche Grippewelle noch nicht überstanden war.

Jeder Einsatz erforderte von heute auf morgen das Anlegen von Schutzkleidung: Handschuhe, Atemmaske, Schutzbrille und Schutzanzug.

An der Belastbarkeitsgrenze

In "Vollschutz" mit medizinischen Masken, die das Atmen erheblich erschweren, mit 40 kg Ausrüstung mehrere Stockwerke hoch gehen und eine/n Patientin/Patienten gewissenhaft zu untersuchen, verlangt einiges ab. Das als "erschwerte Bedingungen" zu bezeichnen, ist eine grobe Verharmlosung. Dazu das Wissen, sich keinen Fehler leisten zu dürfen, weil die Folgen fatal sein könnten.

Und: trotz aller professionellen Distanz die Angst um die eigene Gesundheit. "Was, wenn es mich trotzdem erwischt beim Einsatz an der Front? Ist es das wert?" hat sehr viele KollegInnen beschäftigt. Trotzdem waren und sind alle gern und zuverlässig im Dienst und es gibt bislang noch keinen einzigen Corona-Fall bei der Wiener Berufsrettung.

Ein ständiger Lenker, der sich um das Fahrzeug kümmern kann (damit es z.B. nicht in zweiter Spur halten muss), während die Sanitäter im Einsatz sind, fehlt nun so sehr wie noch nie. Das - ständig notwendige und absolut wichtige - Wechseln von Brille, Atemschutz und Schutzanzug, bevor das Auto bestiegen wird, kostet außerdem wertvolle Zeit und vergrößert das Risiko für die KollegInnen, sich selbst anzustecken.

Anstieg an Panikattacken

Nach dem COVID-19-Ausbruch sind - wie übrigens auch in der Schweiz zum Beispiel - die Einsätze in den ersten zwei Monaten um rund 25 Prozent zurückgegangen. Vor allem Verkehrs- bzw. Freizeitunfälle sind aufgrund der massiven Ausgangsbeschränkungen erheblich zurückgegangen. Umso stärker fällt der außergewöhnlich hohe Anstieg an Panikattacken auf. Mehr als sonst litten und leiden in diesen Tagen sehr viele PatientInnen an Panikattacken, vermutlich durch die Berichterstattung über Corona hervorgerufen. Ihre Betreuung ist mit Schutzausrüstung ein mühevolles Unterfangen.

Auch bei vielen PatientInnen, bei denen eine Spitalseinweisung notwendig war, brauchte es einigeZeit und viel Überzeugungskraft, diese zu einem Spitalsbesuch zu bewegen. Die Angst, sich in einem Krankenhaus zu infizieren, war und ist noch immer enorm groß. Angst ist aber ein schlechter Ratgeber - und die Gefahr, sich in einem Wiener Krankenhaus anzustecken, so gering wie in kaum einem anderen Land.

erwin.feichtelbauer(at)wien.gv.at