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Wa(h)re Leistung in zwei Paar Schuhen

Über die große Produktivitätslüge

Norbert Pelzer, c) HG1

Die Lobbyisten der ach so freien Marktwirtschaft sind wieder unterwegs. Der Staat muss ja in Zeiten der Verschuldungskrise sparen, sagen sie – und geben vor zu wissen, wo es am sinnvollsten ist: beim öffentlichen Dienst. Ob Müllabfuhr, Wasserversorgung oder Kindergärten – überall seien die Privaten effizienter, heißt es dann. Es ist unschwer zu erkennen, was dahinter steckt. Es soll der Boden für eine neue Privatisierungswelle aufbereitet werden. Die Messer werden von den meist im Hintergrund agierenden Investoren schon gewetzt, damit die sich die besten Filetstücke aus der öffentlichen Infrastruktur herausschneiden können. Am besten natürlich zum Schnäppchenpreis. Das Hauptargument der Möchtegern-Filetierer: „Der öffentliche Dienst ist unproduktiv.“ Dabei ist das, auch wirtschaftlich betrachtet, lachhaft: Produktivität in der Privatwirtschaft und solche für die Allgemeinheit sind zwei Paar Schuhe.


Ganzheitliche Rechnung – und wie viel versickert

Denken wir an die Folgekosten für uns alle, wenn überall die Produktivität im Sinne der Privatwirtschaft gesteigert werden soll. Eine Kindergartenpädagogin, die 50 statt 25 Kinder betreut, hätte eine 100-prozentige Produktivitätssteigerung zu feiern. Doch für welche Förderprogramme, individuelle Angebote, gezielte Eltern-Kind-Allianzen hätte sie dann noch Zeit? Welche Folgen hat eine Massenbetreuung für die Kinder und für alle daran anschließenden Institutionen wie etwa die Schulen? Oder ein privates Unternehmen, das die Wasseraufbereitung einer großen Stadt übernimmt: Es reduziert die Zahl der Mitarbeiter und wird bei Wartung und Investitionen zurückhaltend sein. Wenn die Rohre schon abgeschrieben sind und keine neuen installiert werden, kann man auch deutlich mehr Gewinn aus dem Unternehmen ziehen. Oder all die Gärtner und Baumpfleger der Stadt Wien, die dazu beitragen, dass die Grundstückswerte im Umfeld steigen. Dadurch haben die Privaten mehr Mittel zur Verfügung, die wieder in die Wirtschaft fließen können – das nennt man Umwegrentabilität!

 

Leistbares Leben vor Gewinnmaximierung

Es kann auch sein, dass der Output pro MitarbeiterIn bei den städtischen Wohnwirtschaftsunternehmen – rein betriebswirtschaftlich gerechnet – etwas geringer ist als bei privaten Immobilienentwicklern. Doch dafür sorgt der öffentliche Wohnbau dafür, dass das Mietniveau im Gesamten leistbar bleibt. Das kommt wiederum allen WienerInnen zugute. Von Sicherheit bis Umweltamt, von Müllabfuhr bis Feuerwehr – überall lässt sich diese Rechnung in ähnlicher Weise anstellen. Der öffentliche Sektor schafft somit Produktivität im Verborgenen: Sie ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, sondern erschließt sich erst, wenn man allumfassend denkt.

 

Burn-out als Flächenbrand

Eine ganzheitliche Rechnung zeitigt aber ganz andere Ergebnisse als jene der Arbeitsoptimierer: Unter dem Diktat der exzessiven Produktivitätssteigerung sind etwa Tausende Österreicher in Arbeitssituationen mit schlechter Bezahlung und ständig steigenden Belastungen gelandet. Die Folge: Burn-out und andere Erschöpfungskrankheiten als Flächenbrand, massenweise Flucht in die vorzeitige Pension – die Kosten hat aber die Allgemeinheit zu tragen! Anders gesagt: Oft ist eine Reinigungskraft, die ums halbe Geld bei einem privaten Dienstleister arbeitet, nicht produktiver, sondern schlicht und einfach unterbezahlt – und früher ausgelaugt und demotiviert als eine Kollegin im öffentlichen Bereich. Wer den „unproduktiven“ öffentlichen Sektor permanent schlechtredet, sollte deshalb einmal auf die Dimensionen unseres Unternehmens schauen: Wir sind 65.000 MitarbeiterInnen, die tagtäglich für die Allgemeinheit arbeiten. Aus unserer Tätigkeit ziehen nicht einzelne Nutzen, sondern alle – indem ihnen Kosten abgenommen und Werte gesteigert werden. Wer das einmal in die Diskussion wirft, in der Jobs in der produktiven Privatwirtschaft als das Nonplusultra hochgejubelt werden, wird Erstaunen ernten, dann Nachdenklichkeit, am Ende oft Zustimmung.

 

Lassen wir uns doch nicht einreden, dass wir unproduktiv sind! Seien wir Lobbyisten unserer Tätigkeit für alle – fürs Gemeinwohl.